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Medienrundschau:
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Zitat
des Monats:
Die Beweisnot der Kinderlosen
"Mutwillig Kinderlosen (oder jenen, die über ihre wiederholten
Besuche in der Kinderwunschklinik nicht sprechen und denen man
die Mutwilligkeit nur unterstellt) wird hinter vorgehaltener
Hand vorgeworfen, nicht erwachsen zu werden, hedonistisch zu
sein oder sich in albernen Befindlichkeiten (»Generation
Beziehungsunfähigkeit«) zu verlieren. Kinder zu kriegen
scheint hier wie eine natürliche Pflicht und die Entscheidung
gegen sie wie ein Zeichen fehlender Opferbereitschaft, die sich
am Ende rächen wird.
Vorauseilend werden Kinderlose um ein einsames Leben im Alter
bemitleidet. Seid ihr wirklich glücklich?, unter
dieser Beweisnot stehen Menschen ohne Kinder, deren Handlungen
nur mehr als Kompensationsversuch für die Kinderlosigkeit
gewertet werden."
(aus: Nina Pauer
"Ihr
wolltet es so"
in der Zeit Nr.15 v. 06.04.2017)
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06.05.2017
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taz-Wochenendthema: Liebe
im Modell Macron.
Dass der
französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron mit einer 25
Jahre älteren Frau zusammen ist, polarisiert. Weil die Konstellation
an Rollenmustern kratzt. Warum ist das so in einer Zeit, in der alle
möglichen Beziehungskonstellationen akzeptiert werden? Drei Paare, bei
denen er deutlich jünger ist als sie, erzählen von ihrem Alltag
Das Berliner Boulevardblatt taz folgt den selben Regeln wie die
Mainstreammedien. Sie stilisiert Politiker zu Vorbildern einer
angeblich abweichenden Lebensform. Ob nun Christian WULFF die
Patchworkfamilie verkörperte oder Emmanuel Macron das Cougar-Modell.
Aufstieg und Fall von Politikern werden so zum Aufstieg und Fall eines
Lebensmodells stilisiert. Ist das die Art von Identitätspolitik, die
sich die Linke heutzutage vorstellt? Was aber wenn längst FDP-Popper
wie Ulf POSCHARDT die selben identitätspolitischen Strategien
verwenden?
MORASCH, Viktoria
(2017): "Alle halten uns für bekloppt".
Elias Mende ist 19 Jahre alt und
findet es omamäßig, wenn seine Freundin Jasmin Feuchtner 28,
Walnusseis bestellt,
in:
taz v. 06.05.
MORASCH, Viktoria
(2017): "Uns war klar, dass so späte Schwangerschaften ein Risiko
sind".
Sie war seine Musiklehrerin, kurz
vor dem Abitur wurden sie ein Paar. "Das kann nie funktionieren",
dachte sie und trennte sich. Heute sind Ulrike Poppelbaum-Lürgig, 67,
und Ralf Lührig, 53, seit über einem Vierteljahrhundert verheiratet,
in:
taz v. 06.05.
MORASCH, Viktoria
(2017): "Ich will auch nicht eher sterben".
Vor 39 Jahren verliebte sich
Christa Höfener in Hartmut Schmid. Heute ist sie 85 Jahre alt und er
68. Erst jetzt im Alter macht das einen Unterschied,
in:
taz v. 06.05.
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BARTSCH, Matthias & Horand KNAUP (2017): "Der Stolz ist weg".
Gerechtigkeit: Der Frankfurter
Soziologe Oliver Nachtwey über das neue Zwei-Klassen-Recht am
Arbeitsmarkt und die Abstiegsängste der Beschäftigten,
in:
Spiegel Nr.19 v. 06.05.
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GOOS, Hauke (2017): Wir hier, ihr dort.
Provinz: Durch die Gesellschaft
geht ein Riss, er trennt Stadt und Land, Gewinner und Verlierer. Das
ländliche Deutschland, heißt es, fühlt sich abgehängt. Eine Expedition
ins Heimatdorf,
in:
Spiegel Nr.19 v. 06.05.
"Ein Viertel der Deutschen lebt so oder so ähnlich. Nimmt man die
Klein- und Mittelstädte hinzu, dann lebt jeder Zweite in der
Provinz und eben nicht in Zentren wie Berlin oder München oder
Brüssel, wo Trends entstehen und Entscheidungen fallen, die später
im Dorf als Nachrichten oder Vorschriften ankommen",
meint Oberlehrer Hauke GOOS, der
uns das Dorf Albersdorf in Dithmarschen in Schleswig-Holstein als
typischen Ort für diejenigen darstellt, die nicht wie er zu den
Zuarbeitern der Eliten gehören.
"3668 Einwohner, Ergebnis bei
der Bundestagswahl vor vier Jahren: 48 Prozent CDU, 26 Prozent
SPD, 4 Prozent AfD, 0,6 Prozent Tierschutzpartei. Albersdorf ist
Deutschland.
261 Ausländer leben hier (...), das sind etwa sieben Prozent.
Deutschlandweit sind es über elf Prozent",
heißt es da. Nimmt man aber jene
hinzu, die in Großstädten leben und dennoch nicht dem Machtzentrum
angehören, dann bleibt eigentlich kaum ein Deutscher mehr übrig.
Denn selbst Berlin ist Provinz.
Ein Rentner aus dem
Akademikermilieu wie der Autor, nur eben Marke älterer weißer Mann -
provinziell eben, statt Politik-Insider wie GOOS, wird uns als
Sinnbild für die Provinz vorgestellt. Mehr als die typischen
Journalisten-Klischees findet man hier jedoch nicht.
"Früher hat das Land die Stadt
ernährt, die Dörfler bezogen daraus ihren Stolz. Die ländliche
Identität im Allgemeinen hat seither diverse Kränkungen hinnehmen
müssen, weil Landwirtschaft, Handwerk und Industrie an Bedeutung
verloren. Heute belohnt die Gesellschaft jene Bürger, die mit dem
Kopf arbeiten",
erklärt uns GOOS. Man sollte
erwähnen, dass der Rentner, der uns vorgestellt wird,
Architekt war und kein Bauer wie man vermuten könnte - also
Kopfarbeiter wie GOOS. Und vielleicht rührt die Arroganz daraus,
dass der Journalismus seine Bedeutung verloren hat und uns
gekränkter Stolz aus dem Spiegel entgegenblickt.
"Beim Lokalblatt »Dithmarscher
Landeszeitung«, die jeden Tag auch aus Albersdorf berichtet
und an die Lange seine Briefe schickt, freuen sie sich über
Menschen wie ihn. Lokalzeitungen geben denen, die sich als
sprachlos empfinden, eine Stimme. Wut festigt die
Leser-Blatt-Bindung."
Da fragt man sich höchstens, ob
damit die Auflage des Spiegels erhöht werden soll. Ist die
Abgrenzung zum Dorfdepp die Leser-Blatt-Bindung des
Nachrichtenmagazins?
"In der Provinz wohnen
Menschen, die in den öffentlichen Debatten nicht mehr auftauchen,
eben weil sie glauben, in den öffentlichen Debatte nicht länger
erwünscht zu sein",
meint GOOS, der wohl nie in die
Provinz gereist wäre, wenn nicht die AfD erfolgreich wäre - egal wer
sie repräsentiert. Selbstmarginalisierung nennt man das, was GOOS
jenen vorwirft, die nicht wie er mit dem Schreibstift am
Machtzentrum partizipieren darf.
Im letzten Drittel nimmt die
Story dann eine Wende ins Kitschige und das Dorf wird überhöht, wohl
als Kompensation für die anderen zwei Drittel der Story. Die
Stadt-Land-Differenz wird dann zur harmonischen Symbiose: Ihr dort.
aber wir hier. Stadt und Land sollten sich ergänzen lautet die
Vorstellung des Städters: Wir sind das Gehirn und Ihr die Hände, die
das anpacken. Und wenn sie nicht gestorben sind, reiten sie noch
heute der untergehenden Sonne entgegen!
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WOLFF, Volker
(2017): Peinliche Renditen.
Die Vermögensfrage: Zahllose Fonds,
die den Anlegern Geld für Managementleistungen abnehmen und dann doch
nur Indizes abbilden. Da sind ETFs die günstigere Lösung,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.05.
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GAUSS, Karl-Markus
(2017): Verlierer.
Das Gerede von den Abgehängten, die
zur Gefahr für Fortschritt und Freiheit werden, ist
menschenverachtend. Dieses Gerede zeugt von einem monströsen Triumph
des Neoliberalismus,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 06.05.
"Sozialdemokraten haben sich längst die neoliberale Sprache und das
dazugehörige Wertesystem, das auf die Existenz von Verlierern und
Gewinnern, Abgehängten und Zukunftsfitten gründet, zu eigen gemacht.
Die Verlierer wurden erst zum Problem, da sie ihnen als sichere
Wählerschaft verloren gegangen sind. Jetzt entdecken sie alle (...)
auf einmal die Verlierer, und zwar als Klientel"
kritisiert
Karl-Markus GAUSS im Blatt der Gewinner. Da die Verlierer jedoch "als
potenzielle Avantgarde der Revolution" von den Rechten vereinnahmt
werden, sind sie für die "demokratischen" Parteien sowieso verloren,
erklärt uns GAUSS. Die Frage ist dann höchstens, was GAUSS damit
eigentlich sagen will.
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FRITSCHE, Andreas
(2017): Spektakulär saniert.
Brandenburg: Programm zum Tag der
Städtebauförderung am 13. Mai vorgestellt,
in:
Neues Deutschland v. 06.05.
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SCHANDL, Franz (2017): Komparativ der Konvention.
Über den verdrängten Zusammenhang
von Populismus und Liberalismus,
in:
Neues Deutschland v. 06.05.
Franz SCHANDL gehört zu jenen Intellektuellen, die den einfachen
Leuten ein falsches Bewusstsein zuschreiben. Die Underdogs seien zu
blöd, um sich ihrer Lage im Neoliberalismus bewusst zu sein, denn
sonst müssten sie "sich und die Gesellschaft ändern". Das könnte man
auch als Entlastungstheorie von Intellektuellen bezeichnen.
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Die
Landtagswahl in Schleswig-Holstein in den Medien
SATTAR, Majid
(2017): Wie viel Stroh lag im Holz?
Noch ist das Feuer nicht erloschen.
Doch in der SPD werden vor den Landtagswahlen die Sorgen größer. An
Martin Schulz richtet sich die Frage: Kommt da noch etwas?
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.05.
Majid SATTAR lotet die Chancen der CDU auf eine Ablösung in
Schleswig-Holstein und NRW aus und droht uns an, dass Martin SCHULZ
nächste Woche wieder aus der Versenkung auftaucht. Zu "Gerechtigkeit
und Innovation" will er vor einem Wirtschaftsforum sprechen. SATTAR
erinnert daran, dass dieses Thema Anleihen bei SCHRÖDERs
Neuer-Mitte-Wahlkampf nimmt. Das mag die Agenda-Verteidiger freuen,
zeigt aber eher, dass mit SCHULZ kein Neuanfang zu machen ist.
HONNIGFORT, Bernhard
(2017): Nichts ist unmöglich.
In Schleswig-Holstein hat sich der
Wend gedreht: Plötzlich flackert die Küstenampel,
in:
Frankfurter Rundschau v. 06.05.
Bernhard HONNIGFORT hat bereits die
Erklärung für eine mögliche Wahlniederlage der SPD parat: ein
Interview im Peoplemagazin Bunte, bei der sich der
Ministerpräsident à la Rudolf SCHARPING präsentierte:
"Zehnt Prozent Verlust bei den
Frauen, das ist Kubickis Rechnung. Damit wäre die alte Koalition am
Ende",
zitiert er die Sicht des
FDP-Spitzenkandidaten. Grüne und Liberale sieht HONNIGFORT sicher im
neuen Landtag vertreten. Die AfD sieht er bei 5-6 Prozent und die
Piraten seien sicher wieder draußen. Auch den Linken traut er den
Einzug in den Landtag nicht zu.
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ERTLE, Marcus
(2017): Stolz und Vorurteil.
In Schkeuditz werden die meisten
Deutschlandflaggen verkauft. Ist diese Stadt besonders patriotisch?
in:
Süddeutsche Zeitung v. 06.05.
"Schkeuditz,
Flaggenhauptstadt Sachsens"
"Diesen Status hat Schkeuditz durch
die Auswertung von Verkaufsranglisten und Pro-Kopf-Verkaufsquotienten
verschiedener deutscher Flaggenversandhändler erlangt"
Das ist für Marcus ERTLE und die
SZ ein gefundenes Fressen, um in der ca. 17.000 Einwohner
zählenden Kleinstadt einzufallen und die Bewohner nach ihrem
Patriotismus zu befragen.
"Auf den ersten Blick ist
Schkeuditz eine ziemlich normale deutsche Kleinstadt. Nüchterne
Gewerbegebiete, dörfliche Strukturen, schmucklose Zweckbauten in Grau,
schmucke Neubauten in freundlichen Pastellfarben, bewohnt von
freundlichen Menschen. Dann gibt es noch den Flughafen Leipzig/Halle,
der auf Schkeuditzer Gebiet liegt und der Stadt viel nächtlichen
Fluglärm, aber auch viele Arbeitsplätze und Wachstum beschert. Große
Frachthallen von DHL direkt neben pittoresken Kleingärten mit
blühenden Kirschbäumen",
beschreibt ERTLE die sächsische
Gemeinde.
"Die NPD mit 3,5 Prozent unter
dem Landesdurchschnitt. Die AfD neun Prozent, auch das sind weniger
Stimmen als landesweit",
berichtet ERTLE über die Ergebnisse
bei der letzten Landtagswahl. Da dies nichts hergibt, müssen die
Nichtwähler als Grund dieser Unauffälligkeit herhalten:
"In Schkeuditz, wo so fleißig
Flaggen gekauft werden, gehen erschreckend wenig Menschen wählen
gerade einmal 38 Prozent waren es bei der letzten Landtagswahl. Im
Allgemeinen wird eine niedrige Wahlbeteiligung als Zeichen mangelnden
Vertrauens in die demokratischen Institutionen gesehen."
Weil die Flaggen in dem Ort für
ERTLE nicht sichtbar sind, spekuliert er:
"Offenbar herrscht in Schkeuditz
ein verborgener patriotischer Stolz, der womöglich etwas von einer
Kränkung in sich trägt, weil mit ihm der Anschein engstirniger
Kleinbürgerlichkeit verbunden wird. Ein Stolz, der vor allem die
Sehnsucht nach Stolz ist."
Wie wäre es, wenn die SZ eine Meute
investigativer Journalisten darauf ansetzen würde. Vielleicht käme
dann eine ganz andere Wahrheit heraus? Vielleicht lügen auch nur die
erfassten Verkaufszahlen. An solch Naheliegendes denken Journalisten
jedoch zuletzt.
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Die
Präsidentschaftswahl in Frankreich in den Medien
HABERKORN, Tobias
(2017): "Wenn Le Pen gewinnt gibt es Tote".
Warum fällt es den
Linksintellektuellen so schwer, Macron zu wählen? Ein Gespräch mit
Tristan Garcia, dem Wunderkind des neuen französischen Denkens,
in:
Welt v. 06.05.
Keine Schlagzeile scheint
derzeit zu absurd zu sein, um die Alternativlosigkeit von Emmanuel
MACRON zu verteidigen. Tobias HABERKORN präsentiert uns einen
französischen Popintellektuellen, der sich als Anhänger von
Jean-Luc MÉLENCHON präsentiert und MACRON als kleineres Übel
wählen will. Er stilisiert sich zu einem Mitglied der
"progressiven Linken", ein inhaltsleerer Modebegriff. Sein Slogan:
"Das Problem jeder Politik
ist, dass sie zum Erfolg immer zwei Dinge braucht: Idee und
Identität."
GARCIA ist ein Anhänger der
Kulturlinken, der tatsächlich glaubt, dass er mit Popkultur
Frankreich vor dem FN retten könnte:
"Musik, Jugendslang, ein
bestimmter Kleidungsstil - die Codes der Jugendkultur, die für
sie erreichbar ist, kommen aus der Banlieue. Wer sich als
Jugendlicher davon abgrenzen will, der wählt - leider - den
Front National. Ich will die Situation der Einwandererkinder in
den Banlieues gar nicht beschönigen. Aber identitätspolitisch
haben sie wenigstens den Vorteil, dass sie sich auf eine
Sprache, eine Musik, eine Jugendkultur berufen können".
Der Glaube an die Allmacht von
Popkultur ist ein Irrweg, den die Popintellektuellen der
Single-Generation um Diedrich DIEDERICHSEN in den 1980er
Jahren verbreitet haben. In den 1990er Jahren waren die Kids dann
plötzlich nicht mehr alright und der Indiepop wurde zum
Wegbereiter des Neoliberalismus: Cool Britannia war
everywhere. HipHop galt dann als Gegenkultur der Unterschicht,
bevor er von der privilegierten Jugend vereinnahmt wurde.
Christian BARON kritisiert in seinem Buch
Proleten Pöbel Parasiten
die Vereinnahmung der Arbeiterkultur durch privilegierte
Mittelschichtkids als Enteignung der Identität der Arbeiterklasse.
"Die Linke muss es irgendwie
schaffen, dass in den unteren Schichten wieder ein
Identitätsbewusstsein entsteht, das sich auf progressiv
fortschrittliche Werte beruft",
erklärt uns GARCIA in Zeiten,
in denen Popkulturforschung zum akademischen Fach sozialer
Aufsteiger geworden ist, was GARCIA durchaus bewusst ist:
"Wenn ich als jemand, der
eine Unistelle hat, mit einem Arbeitslosen spreche, dann kann
man mir vorwerfen, dass ich »von oben herab« argumentiere,
einfach aufgrund meiner sozioökonomischen Identität. Das ist die
Krux: Jedes ideelle Argument kann mit Verweis auf die Identität
des Sprechers entwertet werden. Man muss also strategisch
vorgehen und die Begriffe austricksen."
Die Vereinnahmung der Popkultur
hat bekanntlich Ulf POSCHARD mit seiner Version, dass die FDP Pop
sei, auf ihre neoliberale Spitze getrieben. Pop hat als Mittel der
Abgrenzung längst ausgedient, seit sie ein Abschottungsmittel der
Neuen Mitte gegen die Benachteiligten wurde.
Das intensive Leben heißt ein Buch von GARCIA, das gerade
bei Suhrkamp erschienen ist. Intensität war ein Schlüsselbegriff
der Popintellektuellen um DIEDERICHSEN. In Deutschland gibt es
inzwischen sogar eine Nachtlebengeschichtsschreibung. Mit den
neuen sozialen Fragen hat solch eine Akademikerjugendforschung
nichts zu tun!
KUHN, Philip (2017): "Dann ist die Grenze halt wieder zu".
Am Rhein profitieren Deutsche und
Franzosen von ihrer Nachbarschaft. Doch im Elsass wird Le Pen gewählt,
nebenan konservativ grün. Was ist da los?
in:
Welt v. 06.05.
Philip KUHN berichtet aus der keine 1.000 Einwohner zählenden
Elsässischen Gemeinde Chalampé:
"Im Département Haut-Rhin und
Bas-Rhin lag Marine Le Pen jeweils mit 27 und 25 Prozent der Stimmen
vorn.
In Chalampé, nur einen Steinwurf von der deutschen Grenze entfernt,
war der Erfolg für Le Pen sogar noch größer: 30 Prozent wählten im
1000-Einwohner-Ort die Rechtsnationalisten."
Nur durch eine Rheinbrücke
getrennt, liegt auf der deutschen Seite die 8.000-Einwohner-Gemeinde
Neuenburg, die von einem CDU-Bürgermeister regiert wird und von der
Grenzöffnung deutlich mehr profitiert als die französische
Nachbargemeinde:
"In Neuenburg herrscht praktisch
Vollbeschäftigung, auch in Chalampé ist die Arbeitslosigkeit mit 6,5
Prozent für französische Verhältnisse sehr gering. (...).
(I)n Neuenburg sind 700 Franzosen angestellt, das sind 15 Prozent der
Beschäftigten. Sie arbeiten im örtlichen Pflegeheim, einem
Pharmaunternehmen und bei einem Autozulieferer. Hinzu kommen noch
weitere 700 Elsässer, die jeden Tag in Neuenburg die »Geschäfte
leerkaufen«".
Die französische Bürgermeisterin
von Chalampé nennt als Grund für den Frust die Gebietsreform:
"Die Anfang 2006 beschlossene
Fusion mehrerer historisch und kulturell völlig unterschiedlicher
Regionen - dazu gehören neben dem Elsass auch Lothringen und die
Ardennen - zur Gesamtregion Grand Est habe den latenten Frust
verstärkt".
Gebietsreformen sind jedoch
keineswegs für sich allein kein Grund, sondern die Tatsache, dass
damit das Stadt-Land-Gefälle größer wird.
WERNICKE, Christian
(2017): 'Ein Restrisiko bleibt".
SZ-Wochenthema Die Wahl in
Frankreich: Warum der linke Politikforscher Gilles Finchelstein
eigentlich mit einem Scheitern der Populisten-Chefin rechnet - aber
sich doch nicht ganz sicher ist,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 06.05.
Nach Brexit und TRUMP sind
unsere Eliten im Panikmodus. Der Begriff "Restrisiko" ist uns
allseits bekannt aus der AKW-Debatte. Tschernobyl und Fukushima
stehen für das Restrisiko. Es ist ein Technokratenbegriff, der
sagt: Im Grunde haben wir alles im Griff, nur ein dummer
Schmetterling oder der Reissack, der in China umfällt, könnte
unsere Ruhe stören. Im Fall von Le PEN wäre das der Wähler oder
gemäß FINCHELSTEIN der Nicht-Wähler:
"Was als ein Restrisiko
bleibt ist, dass sie quasi aus Versehen gewählt wird - aus
Fahrlässigkeit. Wenn am Sonntag plötzlich 40 Prozent der
Franzosen zu Hause bleiben (...) haben wir ein Problem."
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05.05.2017
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HENNING, Ulrike
(2017): Mit Gott, aber ohne Pipette.
Die ökumenische "Woche für das
Leben" pflegte Vorbehalte gegen die Reproduktionsmedizin,
in:
Neues Deutschland v. 05.05.
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BRÜSS, Manfred
(2017): Koalition verschiebt Verabschiedung der Betriebsrentenreform,
in:
versicherungsjournal.de v. 05.05.
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HERZ, Carsten (2017): "Kein Anlass für Entwarnung".
Frank Grund: Der oberste deutsche
Versicherungsaufseher spricht über die Schwierigkeiten der Branche,
das Interesse ausländischer Konkurrenten und die Frage, was Manager
vom Reitsprot lernen können,
in:
Handelsblatt v. 05.05.
Frank GRUND von der Finanzaufsicht
Bafin wiegelt hinsichtlich der Bedeutung der Solvenzquote ab, die bis
20. Mai von den 84 Lebensversicherungen veröffentlicht werden muss.
GRUND geht davon aus, dass sich die Zinszusatzreserve 2017 bis ca. 64
Milliarden Euro erhöhen wird.
"Ich glaube, dass es sinnvoll ist,
ab 2018 über eine Veränderung im Sinne eines moderateren Aufbaus
nachzudenken. Es ist aber eine Entscheidung des Gesetzgebers",
äußert GRUND zur weiteren
Entwicklung der Zinszusatzreserve.
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COUWENDBERGH, P. & Herbert FROMME
(2017): Versicherer gesucht.
Chinesische Investoren kaufen gerne
Gesellschaften in Europa,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 05.05.
"Europa gilt als stabiler Markt mit
hohen Digitalisierungspotenzial une einem starken
Bruttosozialprodukt",
begründen COUWENDBERGH & FROMME das
Interesse des chinesischen Investors Fossun an europäischen
Versicherern. Anlass ist die zum 1. Januar 2017 genehmigte Übernahme
von 128.000 Lebensversicherungen der Basler Lebensversicherung durch
die Abwicklungsplattform Frankfurter Leben, einstmals Uelzener Leben,
die im August 2015 von Fossun übernommen wurde. Daneben kaufte sich
der Investor auch in Spanien und den Niederlanden groß ein. Welche
Konsequenzen dies für die Versicherten haben wird, wird sich erst in
den nächsten Jahren und Jahrzehnten zeigen, denn die Altersvorsorge
ist ein Langfristunternehmen deren Auswirkungen sich möglicherweise
erst dann zeigen, wenn es zu spät ist.
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Gebietsreformen
in der Debatte
LOCKE, Stefan
(2017): Von oben herab.
Die Linke predigt gern "von unten",
tut aber das ganze Gegenteil. Bestes Beispiel Thüringen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.05.
"Fast alle Parteien und alle
Fraktionen im Landtag redeten schon seit Jahren darüber, dass sich
etwas ändern müsse, allen voran die CDU, die aber jeglicher
Entscheidung selbst dann noch auswich, als Gutachten, die von ihr in
Auftrag gegebenen worden waren, zu dem Ergebnis kamen, dass es so
nicht weitergehen kann",
schickt Stefan LOCKE dem Vorwurf
voraus, dass Rot-Rot-Grün die Kreisreform in Thüringen falsch
angepackt hat:
"Größere Einheiten, geringere
Kosten, mehr Effizienz, so lautete der zukunftsträchtige Dreiklang. In
der Wirtschaft mag das Überzeugungskraft entfalten. In der kommunalen
Selbstverwaltung aber gibt es weit mehr Variablen. Dass
Gebietsfusionen den Nutzen nicht bringen (...) liegt daran, dass in
vielen Kommunen soziale Pflichtaufgaben der größte Kostentreiber sind,
und die fallen unabhängig von Kreis- oder Gemeindegrenzen an."
Den größten Schaden sieht LOCKE
jedoch für die Demokratie. Er ist der Auffassung, dass in Thüringen
die Funktional- und Verwaltungsreform unter die Räder kommt und es
lediglich eine Gebietsreform geben wird. Das läge daran, dass dem
Ministerpräsidenten das nötige Drohpotenzial fehle, weil er einen
parteiübergreifenden Protest gegen sich habe.
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MATHEIS, Katharina
(2017): Maklerin des Makels.
Ruhrgebiet: Hunderte Südosteuropäer
leben in Duisburg in Häusern voller Müll und Chaos, ohne Strom und
Wasser. Das Geschäft mit verwahrlosten Häusern ist hochlukrativ,
in:
Wirtschaftswoche Nr.19 v. 05.05.
"Duisburg-Marxloh (...). Berühmt
wegen des Mülls. Berüchtigt wegen der Bewohner: Menschen aus
Südosteuropa, überwiegend Rumänen und Bulgaren. Kaum jemand spricht
Deutsch. Über 40 Prozent beziehen Sozialleistungen. Die
Arbeitslosigkeit ist hoch, genau wie die Armut.
Für viele sind die Häuser, gerade in diesen Wochen, da in
Nordrhein-Westfalen eine Landtagswahl ansteht, der Inbegriff für ein
Politikversagen, Herbergen für Parallelgesellschaften, Denkmäler für
eine gescheiterte Einwanderungspolitik. (...).
Tatsächlich hat sich diese sehr besondere Form des Immobilienbooms im
ganzen Ruhrgebiet ausgebreitet: in Gelsenkirchen, in Dortmund. Doch
nirgendwo gibt es so viele der vewahrlosten Immobilien wie in
Duisburg",
berichtet Katharina MATHAIS über
Billigimmobilien als Spekulationsobjekt.
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LENK, Thomas/GLINKA, Philipp/ROTTMANN, Oliver
(2017): Der unsichtbare Finanzausgleich.
Die Ordnung der Wirtschaft: Mit 13
Grundgesetzänderungen werden die föderalen Geldflüsse neu geordnet.
Ein Trick sorgt dafür, dass kaum noch erkennbar ist, welches Land auf
Kosten der anderen lebt. Das birgt Risiken,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.05.
Die drei ostdeutschen Wissenschaftler kritisieren den geplanten, der
"weder
zu einer stärkeren Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse noch zu
mehr Transparenz oder zu mehr Leistungsgerechtigkeit beiträgt."
U.a. wir die Einführung eines
Demographiefaktors beklagt,
"mit dem unterschiedlich hohe
Lasten durch Rückgang und Alterung der Bevölkerung in den einzelnen
Länder durch das System ausgeglichen oder zumindest abgemildert werden
könnten."
Eine konkrete Darlegung der
Funktion des Demographiefaktors fehlt jedoch, sodass ein Nachvollzug
der Argumente für den Leser nicht möglich ist. Die Einführung eines
solchen Faktors würde jedoch zuallererst das Vorhandensein aller Daten
auf der Gemeindeebene voraussetzen. Dies ist jedoch nicht gegeben,
sondern Privatinstitutionen wie die
Bertelsmann-Stiftung oder das
Berlin-Institut
für Bevölkerung und Entwicklung
beherrschen mit ihren unseriösen Rankings das Feld.
Bereits heute wird die
Bevölkerungsentwicklung von etlichen Bundesländern im Finanzausgleich
berücksichtigt, so z.B. in Niedersachsen:
"Seit 2007 wird statt der Zahl der
Einwohner am 30.6. des Vorjahres der Durchschnitt der vorangegangenen
5 Jahre genommen, sofern dieser höher ist. Durch diesen
Demographiefaktor soll Kommunen mit sinkender Bevölkerungszahl mehr
Zeit für notwendige Anpassungsprozesse gegeben werden. Im
Finanzausgleich 2014 werden 343 von 414 Städten und Gemeinden
(Gebietsstand 01.01.2014) auf diese Weise insgesamt 74 656 Einwohner
mehr angerechnet, als sie am 30.6.2013 tatsächlich hatten"
(Statistisches Monatsheft, August 2014, S.387)
heißt es z.B. bei Karl-Heinz HAUPT.
Wolfgang RENZSCH fasst die Berücksichtigung des demografischen Faktors
folgendermaßen zusammen:
"Demographische Verschiebungen
finden nicht nur unter den Ländern, sondern auch zwischen Gemeinden
statt. Die in den Ländern gefundenen Lösungen für diese Probleme
könnten auch eine Anregung für eine Regelung auf Bundesebene sein.
Fünf der 16 Länder haben einen Demographiefaktor in ihre
Finanzausgleichsgesetze integriert, wobei vier von ihnen auf ältere
Einwohnerzahlen zurückgreifen, so dass sich Bevölkerungsverluste erst
mit Verzögerungen bei den Einnahmen bemerkbar machen, ein Land
Rheinland- Pfalz hat einen Ansatz für besonders dünn besiedelte
Landkreise.
Bayern legt bei Kommunen, wenn die aktuelle Einwohnerzahl unter dem
Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre liegt, den Durchschnitt der
letzten zehn Jahre zugrunde (Art. 3 Abs. 2 FAG). Brandenburg (§ 20
BbgFAG) und Niedersachsen (NFSAG § 17) verfahren ähnlich, greifen aber
lediglich die durchschnittliche Einwohnerzahl der letzten zwei Jahre
(Brandenburg) resp. fünf Jahre vor dem Stichtag zurück. Sachsen-Anhalt
rechnet nicht mit dem Durchschnitt, sondern mit der höchsten
Einwohnerzahl der letzten fünf Jahre vor dem Stichtag (§ 25 Abs. 1
FAG). Eine von diesem Modell der verzögerten Berücksichtigung von
Einwohnerverlusten abweichende Lösung hat Rheinland- Pfalz entwickelt.
Das Land integriert in die Bedarfsmesszahl einen Flächenansatz (§ 11
Abs. 4 Ziff. 5 LFAG), der einen Zuschlag für kommunale
Gebietskörperschaften, deren Gebietsfläche bezogen auf die
Einwohnerzahl den Durchschnitt übersteigt."
(ifo Schnelldienst Nr.1 v. 14.01.2014, S.42)
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SCHEU, René
(2017): Die Neoliberalen sind schuld!
Linke Spitzenintellektuelle sind
sich weitgehend einig: Wären die Neoliberalen nicht, wäre unsere Welt
eine bessere. Die utopische Hoffnung scheint verflogen, die Sehnsucht
nach den guten alten Zeiten dominiert. Was hilft gegen linksreaktionäres
Denken?
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 05.05.
René SCHEU spricht vom "Begriffsgespenst" Neoliberalismus.
Pikanterweise präsentiert er uns mit Kaspar VILLIGER einen Vertreter
des Neoliberalismus, denn Neoliberale sehen sich im
"Sozialdemokratismus", d.h. ihnen ist der Sozialstaat ein Dorn im
Auge:
"Demnach leben wir angesichts von
überschuldeten Staaten, konfiskatorischen Steuerlasten,
Interventionismus, Sozialisierung der Wirtschaft, Ausbau des
Sozialstaats und Verregulierung aller Lebensbereiche im Namen von
Gleichheit und Gerechtigkeit (...) im Sozialdemokratismus."
Was hier mit Sozialdemokratismus
beschrieben wird, könnte man auch als weiten Sozialstaatsbegriff
bezeichnen, wobei bereits die einzelnen Stichworte die ablehnende
Haltung ausdrücken. Dass die private Altersvorsorge ebenfalls eine
Verregelung von Lebensbereichen darstellt, das würden Neoliberale
bestreiten. Ihnen wäre lediglich die politische Einmischung in die
Finanzbranche ein Ärgernis, denn die Ausbeutung der Kunden ist nach
dem neoliberalen Verständnis eine Sache unternehmerischer Freiheit!
Das Buch von VILLIGER heißt Durcheinanderwelt.
Dem wird das Buch
Die grosse Regression, herausgegeben von Heinrich GEISELBERGER
gegenüber gestellt, das eine große Spannbreite von Autoren umfasst,
aber von SCHEU auf Popintellektuelle wie Paul MASON reduziert wird.
Die Ansätze der linken Autoren werden auf plakative Gegensätze und
Schlagworte reduziert, die Autoren wie z.B. Wolfgang STREEK
("kosmopolitischer Identitarismus") oder
Nancy FRASER ("progressiver
vs. regressiver Neoliberalismus"; letzteren Begriff benutzt die
Autorin gar nicht!) nicht gerecht werden. Hinter den Unterschieden,
die SCHEU präsentiert, stehen verschiedene, unvereinbare
Staatsauffassungen, weswegen es keinen Konsens geben kann. Und das ist
gut so!
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Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte
SCHÖCHLI, Hansueli
(2017): Die Scheinlösung der Rentenreform.
Die Lehren aus der neusten Studie
zur Umverteilung bei den Pensionskassen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 05.05.
Die Neoliberalen SCHÖCHLI & ENZ
bringen wieder einmal ihre
bereits bekannte Positionen zur Vermischung von erster und zweiter
Säule vor, weil die Credit SUISSE und der Aktuar Hanspeter BOBLER
von der PK Rück die Interessen der Besser- und Spitzenverdiener
vertreten und entsprechende Argumente geliefert haben.
ENZ, Werner
(2017): Unterschätzte neue Umverteilung im BVG.
Kommentar: Altersvorsorge 2020 in
der Schwebe,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 05.05.
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HEBEL, Stephan
(2017): Enthaltung ist nicht links.
Kommentar: Im parteiübergreifenden
Jubel über Macron darf die Frage nicht untergehen, für welches Europa
er wirklich steht. Dabei gilt aber auch: Passivität ist keine Option,
in:
Frankfurter Rundschau v. 05.05.
Spielte Stephan HEBEL gestern in der
Wochenzeitung Freitag noch den Fatalisten, so tritt er uns
heute als Politpragmatiker entgegen: Von Martin SCHULZ als Kanzler
darf man wohl noch träumen können! HEBEL kritisiert Didier ERIBON, der
sich für eine Enthaltung im Präsidentschaftsduell ausgesprochen hat.
MACRON sei das kleinere Übel.
"Frankreich wählt im Juni ein neues
Parlament. Die Mehrheit, die dabei herauskommt, wird einiges
mitzureden haben. Nur wer jetzt Le Pen verhindert, kann im Juni dafür
sorgen, dass ein demokratischer und europäisch denkender Präsident von
links unter Druck gerät",
behauptet HEBEL. Das ist nichts
anderes als die totale Kapitulation vor der neoliberalen Hegemonie.
Wer so argumentiert will partout nicht begreifen, dass die Zeiten der
Alternativlosigkeit vorbei sind. Selbst wenn Le Pen gewählt würde,
könnte sie immer noch im Juni durch die Parlamentswahlen unter Druck
gesetzt werden. Das Beispiel Donald TRUMP zeigt eher, dass ein
unbeliebter Präsident eine politische Mobilisierung ermöglicht, die
ansonsten nie möglich gewesen wäre. Die Neoliberalen müssten dann aber
endlich Farbe bekennen und könnten nicht mehr so weiter machen wie
bisher. Sie könnten sich nicht mehr auf ihrer Fortschrittsrhetorik
ausruhen und Almosen an die Arbeiterklasse verteilen. Der französische
Zentralismus, der ein viel größeres Stadt-Land-Gefälle als in
Deutschland erzeugt hat, müsste auf den Prüfstand kommen. Außerdem
darf nicht vergessen werden, dass Frankreich anders als Deutschland
keinen HITLER hervorgebracht hat. Eine starke Opposition im Parlament
wäre allemal besser als ein alternativloses Weiter-So. Wenn die EU
mehr sein will als eine Institution für die Globalisierungsgewinner,
dann wäre es nun an der Zeit zu handeln. Die Eliten sind uneinsichtig
und denken nicht daran ihre Strategie zu ändern. Sie reagieren nur auf
Abwahl. Daran führt kein Weg vorbei.
STROHSCHNEIDER, Tom
(2017): Anders als viele meiner linken Freunde.
Ist die Niederlage von Le Pen schon
sicher? Keineswegs, warnen Autoren wie Édouard Louis und Laurent Binet
- und stimmen für Macron,
in:
Neues Deutschland v. 05.05.
Noch vor dem ersten Wahlgang erklärte Édouard LOUIS
in der SZ:
"Man muss wählen gehen für den
Flüchtling, der abgeschoben wird, wenn Macron an die Macht kommt."
Jetzt erzählt uns Tom
STROHSCHNEIDER, dass er sich in einer italienischen Zeitung dafür
ausgesprochen hat MACRON zu wählen.
PANTEL, Nadia (2017): Im roten Kreis.
In Marseille haben zuletzt sehr
viele Menschen die Linke gewählt. Jetzt wissen sie nciht, ob sie am
Sonntag nicht lieber zu Hause bleiben sollen, statt noch einmal zu
wählen. Ein Besuch bei Unentschlossenen und Verzweifelten,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 05.05.
"Der Politiker, dem in Marseille
zugetraut wird, Frankreich zu verändern, heißt Jean-Luc Mélenchon. Der
Gründer der linken Bewegung La France Insoumise, das Unbeugsame
Frankreich, bekam im Zentrum der Stadt 24,8 Prozent.
Die Abgehängten wählen Marine Le Pen? Hinter den Abgehängten kommen
noch diejenigen, die niemals angehängt waren: verarmte Einwanderer.
Auf den Karten, die zeigen, wie Frankreich zuletzt gewählt hat, gibt
es zwei rote, kleine Flecken:
Seine-Saint-Denis und Marseille. Die Banlieue gleich neben Paris
und Frankreichs zweitgrößte Stadt sind die einzigen Orte, in denen
Mélenchon gesiegt hat",
erklärt uns Nadia PANTEL. Zieht man
dagegen die
französische Website zur Präsidentschaftswahl zu Rate dann hat
Jean-Luc MÉLENCHON das
19. und
20. Arrondissement in Paris gewonnen. Das 1. bis 5., das 9.
bis 15. und 18. Arrondissement in Paris ging an Emmanuel MACON, und
das 6. bis 8., 16. und 17. Arrondissement in Paris gewann FILLON.
In
Marseille gewann MÉLENCHON die Arrondissements 1-5 und 14-16,
FILLON gewann die Arrondissements 6-9 und Marine Le PEN die
Arrondissements 10-13.
Was PANTEL beschreibt stimmt nicht
mit den Wahlergebnissen überein: MÉLENCHON gewann auch das Department
Ariège und das Department
Dordogne. Aber diese Gebiete passen nicht ins Bild, das PANTEL
malt, denn es sind ländliche Gebiete ohne Großstädte.
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04.05.2017
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Die
Pressemitteilung
Der Arbeitsmarkt im April 2017 in den Medien
SPECHT, Frank
(2017): Jobwunder mit Licht und Schatten.
Arbeitsmarkt: Langzeitarbeitslose,
Niedriglöhner und Firmen auf der Suche nach Fachkräften haben wenig
von den aktuellen Beschäftigungsrekorden. Die Politik will das ändern
- mit Hilfe der Bundesagentur für Arbeit,
in:
Handelsblatt v. 04.05.
Ein Schaubild gaukelt uns vor, dass
von den 43,8 Millionen Erwerbstätigen (Die Zahl ist identisch mit
einer
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes von vorgestern und
gilt für den März 2017) 31,8 Millionen sozialversicherungspflichtige
Beschäftigte gegenüberstehen. Diese Zahl findet sich jedoch nur in
einer Pressemitteilung der Bundesagentur für Arbeit:
"Insgesamt waren im Februar nach
hochgerechneten Angaben 31,77 Millionen Menschen
sozialversicherungspflichtig beschäftigt".
Stefan SELL kritisiert auf
sozialpolitik-aktuell.de diese simple Gegenüberstellung:
"Aber auch aktuell entfallen die
meisten zusätzlichen Erwerbstätigen auf den Bereich der
sozialversicherungspflichtigen Teilzeitarbeit".
Bei der
Rentenformel interessiert z.B. beim Nachhaltigkeitsfaktor nicht
die Kopfzahl der sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigen,
sondern die Zahl der Vollzeit-Beitragszahler mit durchschnittlichem
Lohn. Die Arbeitsmarktzahlen gaukeln regelmäßig vor, dass der deutsche
Arbeitsmarkt von Rekord zu Rekord jagt. Die Realität sieht jedoch
anders aus.
SAUER, Stefan
(2017): Raus aus der Warteschleife.
Immer mehr Menschen sind in
Beschäftigung, doch die Langzeitarbeitslosigkeit bleibt ein Problem.
Was hilft, was nicht?
in:
Frankfurter Rundschau v. 04.05.
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CREUTZBURG, Dietrich
(2017): CSU-Sozialflügel gegen CSU-Rentenpläne.
Sorge vor einem Rentenwahlkampf.
"Es bleibt kein Geld mehr für die Menschen, die wirklich Hilfe
brauchen",
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 04.05.
Dietrich CREUTZBURG bringt
diesmal die
CDA gegen die CSU und ihre Mütterrente in Stellung. Die
Erwerbsminderungsrenten - die gerade erst mit einer Rentenreform
bedacht wurden - sollen weiter verbessert werden. Statt die
Mütterrente zu erhöhen, will die CDA unter Karl-Josef LAUMANN die
Anrechnung der Mütterrente auf die Grundsicherung abschaffen. Dies
wird unter "zielgenaue Maßnahme gegen Altersarmut" subsumiert. Die
Anhegung des Rentenniveaus wird dagegen abgelehnt.
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HEBEL, Stephan
(2017): Kein Wechsel, nirgends.
Ausblick: Rot-Rot-Grün hat es
versäumt, seine Vision einer gerechten Republik unters Volk zu
bringen. Das heißt, Merkel kann weitermachen - fast egal, mit welchem
Juniorpartner,
in:
Freitag v. 04.05.
Nach dem SCHULZ-Hype kommt nun der Burn-out, so könnte man den
Fatalismus von Stephan HEBEL bezeichnen. Wer dagegen schon mit dem
Hype nichts anfangen konnte, braucht auch keine Trübsal zu blasen,
denn Rot-Rot-Grün wäre keine wirkliche Alternative. Dazu ist die SPD
zu neoliberal und die Grünen sind zu schwarz. Die Linkspartei ist
dagegen zu sehr Ostpartei und deshalb zu schwach, um ein neues
linkes Gravitationszentrum jenseits der Agenda-Politik in
Deutschland abzugeben, zumal die Kulturlinken sich in ihrer
Abneigung gegenüber der so genannten Arbeiterklasse eingerichtet
haben. Diese Abneigung gehört sozusagen zum Heimatgefühl der
Kulturlinken. Allein die Rechte profitiert von dieser desolaten
Lage. Das Weiter-So wird uns deshalb noch tiefer in die Spaltung der
Gesellschaft führen, wenn sich die Linke nicht bald anders besinnt
und ihre Selbstmarginalisierung überwindet.
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LAFFERT, Bartholomäus von (2017): Dortmund hart.
Nordrhein-Westfalen: Die Nordstadt
der Ruhrmetropole ist das Armenviertel des Landes. Wer den Aufstieg
schafft, zieht weg. Politik und Polizei auf dem Rückzug,
in:
Freitag v. 04.05.
Während die SZ vor kurzem Dortmund als Beispiel für die Wende
im Ruhrpott bemühte, erinnert die Sozialreportage von Barholomäus
von LAFFERT eher an einen Dortmund-Tatort. Anhand von 3 Typen
skizziert LAFFERT das Bild der Dortmunder Nordstadt. Er lässt einen
Rentner ("45 Jahre hat er als Maler gearbeitet, seit fünf Jahren ist
er in Rente, trotzdem, das Geld sei knapp. Eigentlich immer") mit
dem sprechenden Namen Keule und einen libanesischen Ex-Drogendealer
auftreten:
"(E)r ist einer von denen, die in
der Nordstadt den sozialen Aufstieg geschafft haben: aus der
Illegalität in die Legalität. Er hat eine Frau gefunden, die bereit
war, ihn zu heiraten. Dann gab es die Familienzusammenführung, daran
geknüpft das Bleiberecht."
Und zuletzt ist da die
Prostituierte, für die die Schließung des Straßenstrichs in der
Nordstadt im Jahr 2011 ein einschneidendes Ereignis war.
"Die Nordstadt ist der am
dichtesten besiedelte Bezirk der Stadt - und dazu der jüngste. Ein
Viertel der Nordstadtbewohner ist noch nicht volljährig, nirgendwo
sonst gibt es mehr Kinder. Nirgendwo sonst leben Menschen aus mehr
Nationen zusammen, 180 sollen es mindestens sein. 70 Prozent der
Menschen haben einen Migrationshintergrund, 48,5 Prozent haben
keinen deutschen Pass. Noch dazu: Die Arbeitslosigkeit in
Dortmund-Nord liegt bei apokalyptischen 24,7 Prozent, weit über dem
Dortmund-Schnitt von 11,6 Prozent, der wiederum den ohnehin
schlechten Landesschnitt von 7,6 Prozent noch überbietet. Der
bundesdeutsche Durchschnitt lag Anfang 2017 bei 6,3 Prozent",
schildert uns LAFFERT das
Dortmunder Problemviertel. Etwas anderes weckt jedoch die
Begehrlichkeiten: Die Nordstadt ist gemäß Wikipedia "das größte
zusammenhängende Gründerzeitviertel Nordrhein-Westfalens. Da ist
eine "Gentrifizierung von unten" Gift für die Gentrifizierung von
oben:
"Alle, die etwas geschafft haben,
gehen weg. Noch ärmere Menschen kommen nach",
zitiert LAFFERT einen Experten
mit Street-Credibility. Der SPD-Stadtrat der Nordstadt, Volkan BARAN,
der das politische Monopol besitzt ("Politiker mit
Street-Credibility") verspricht deshalb
"sich dafür einzusetzen, dass
Investoren für neue Wohnbauprojekte und Unternehmen in die Nordstadt
gelockt werden."
Die Nordstadt wird von LAFFERT
lediglich mit wenigen Straßennahmen und Plätzen verbunden:
Mallinckrodtstraße, Nordmarkt, Borsigplatz, Bornstraße,
Stahlwerkstraße, Missundestraße und Bergmannstraße.
Das im Februar neu eröffnete Café
Grüner Salon wird uns als Hipster-Treff am Nordmarkt
geschildert. Auch das "studentische Hafenviertel" muss zu den
Keimzellen der Gentrifizierung von oben in der Nordstadt gezählt
werden. Auch Berlin-Neukölln wurde lange Zeit in den Medien nur als
Problemviertel dargestellt, bevor es unter dem Gesichtspunkt
Gentrifizierung betrachtet wurde. Zudem sind Stadtbezirke wie die
Nordstadt mit über 60.000 Einwohnern keine homogene Viertel, sondern
die mediale Aufmerksamkeit richtet sich je nach Zielsetzung auf
gewisse Hotspots, die dann immer wiederkehren und sich dadurch mit
einem bestimmten Image verbinden.
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MARTELL, Conrad Lluis (2017): Ein Job ist ein Job.
Spanien: Wer unter 35 Jahre alt
ist, lebt häufig in prekären Verhältnissen und muss mit
einem800-Euro-Gehalt glücklich und zufrieden sein,
in:
Freitag v. 04.05.
Conrad Lluis MARTELL hält sich nicht lange mit den "wirklich Armen"
in Spanien auf, sondern widmet sich den Klagen der jungen
Erwachsenen in der Mittelschicht, deren Lebensstilvorstellungen mit
jenen unserer Akademikerjugend in Deutschland identisch ist. Und wie
in Deutschland wird ein Generationenkrieg inszeniert:
"Als die Blase platzte und die
Krise einsetzte, waren die großen Leidtragenden nicht die
Babyboomer (die heute 50- bis 70-Jährigen), die das überkommende
Modell mitverantwortet und davon profitiert hatten, sondern ihre
Söhne und Töchter."
Diese wollen nichts anderes als
so leben wie ihre Eltern früher. Wie in Deutschland wird auch in
Spanien das Aufstiegsversprechen als gebrochen angesehen:
"Ein Neoliberalismus ohne
Aufstiegsversprechen, das ist Spaniens Arbeitsmarkt für eine
Mehrheit der Bevölkerung. Entzug von Anerkennung,
Alternativlosigkeit und Angst sind seine Markenzeichen. (...)
Den Jungen wurde schlichtweg der Gesellschaftsvertrag
aufgekündigt. Die 20- und 30-Jährigen wuchsen mit dem Versprechen
auf, dass nach Studium, dem Erwerb von Sprachen, Auslandserfahrung
und Praktika, - nach all diesen Anstrengungen irgendwann eine
würdevolle Arbeit käme, die der Qualifikation entspricht. Das
Versprechen wird inzwischen nicht mehr eingelöst,"
behauptet MARTELL bleibt aber
jegliche Belege schuldig, denn schließlich geht es ihr nur um die
Akademikerjugend, die kaum weniger privilegiert ist wie hierzulande.
Die "wirklich Armen" werden von MARTELL missbraucht, um diese
Unterschiede zu verwischen.
Fazit: Es ist diese Art von
unsachlicher Mainstreamjournalismus, der verhindert, dass die
soziale Frage wirklich den Sprengstoff entfaltet, der ihn ihr liegt.
Wir blicken nicht nach Spanien, sondern immer nur in unseren eigenen
Akademikerabgrund.
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FONTANA, Katharina (2017): Familienpolitischer Irrweg.
Kommentar: Bundesgelder für die
auswärtige Kinderbetreuung,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 04.05.
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MANZO, Sara Maria (2017): Leben am Abgrund.
Zu Frankreichs Wählern gehört ein
Heer junger Arbeitsloser - zum Beispiel in Carcassonne,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 04.05.
"Die Armutsquote ist mit 25
Prozent eine der höchsten des Landes.
Die Stadt (...) hat knapp 46.000 Einwohner, die Bevölkerungszahl
ist im Abnehmen begriffen. (...).
In ganz Frankreich haben 1,7 Millionen junge Menschen weder eine
Erwerbsarbeit, noch stehen sie in Ausbildung: das sind 15 Prozent
der 15- bis 29-Jährigen. Jeder vierte Arbeitslose ist unter 25
Jahre alt, einer von dreien kann keinen Abschluss vorweisen. Ein
Drittel der 15- bis 29-Jährigen arbeitet mit einem befristeten
Vertrag",
schildert Sara Maria MANZO die
Situation im südfranzösischen
Carcassonne. Vor diesem Hintergrund werden uns zwei Personen
vorgestellt: ein 20-jähriger Tschetschene, der eine Kaufmannslehre
macht und in einer Plattenbausiedlung am Rande von Le
Viguier-Saint-Jacques aufgewachsen ist:
"Die Plattenbausiedlung steht
auf der Liste der »Quartiers prioritaires«, das ist der
administrative Begriff für verwahrloste Stadtteile, in denen
Kriminalität zum Alltag gehört und Jugendliche wenig Aussichten
auf ein besseres Leben haben. Mehr als 60 Prozent der rund 1.800
Bewohner hier leben unter der Armutsgrenze, sie liegt für
Alleinstehende bei 1.008 Euro im Monat. Wer mit einem teuren Auto
vorfährt, bekommt in dieser Welt Respekt",
erklärt uns MANZO. Die Frau hat
dagegen Pferdepflegerin gelernt und ist der Liebe wegen in
Carcassonne gelandet.
"(W)er in Frankreich »nur« eine
Berufslehre macht, begibt sich auf den Weg ins Prekariat",
beschreibt MANZO die
Zukunftsaussichten der französischen Jugend ohne
Akademikerhintergrund. Die EU wird uns in Form eines Jugendprogramms
namens "Mission locale" als Wohltäterin vorgestellt - oder eher als
Tropfen auf den heißen Stein.
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HOSP, Gerald (2017): Operation am stählernen Herzen.
Das Tees Valley im Nordosten
Englands ist ein Beispiel dafür, wie mit Dezentralisierung der
industrielle Niedergang gedämpft werden soll,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 04.05.
"Im Brexit-Referendum sprachen
sich zwei Drittel der abgegebenen Stimmen in Redcar für einen
Austritt aus der EU aus, was ein deutlich klareres Ergebnis ist
als im Landesdurchschnitt",
erklärt uns Gerald HOSP den
Anlass der Reportage, die uns die Geschichte der Region skizziert
und in der Dezentralisierung eine Stärkung der Regionen sieht. Zudem
wird uns die Abhängigkeit der Region von den EU-Fördertöpfen
aufgezeigt:
"So donnernd das Ja für den
Austritt aus der EU ausfiel, so abhängig ist die Region mit ihren
660 000 Einwohnern noch von der EU. Andrew Lewis, der die
Verwaltung der Tees Valley Combined Authority leitet, sagt, dass
rund ein Drittel der Mittel der Behörde, die die Bezirke von
Darlington, Hartlepool, Middlesbrough, Stockton-on-Tees sowie
Redcar und Cleveland umfasst, aus EU-Töpfen stammt. Die Combined
Authority soll die wirtschaftliche Entwicklung der Region stärken.
London will die bereits von der EU zugesprochenen Gelder bis 2020
weiter garantieren. Was danach passiert, ist unklar. Zudem gehen
rund 60% der Exporte wie Chemieprodukte und Autos in die EU."
Haben also die Brexit-Befürworter
gegen ihre eigenen Interessen gehandelt? Oder stehen die Verluste in
keinem Verhältnis zu den Kosten der EU-Politik? Das wird zukünftig
die Geschichte zeigen müssen. Sollte der Brexit nicht in der
behaupteten Katastrophe enden, dann dürfte dies das Signal sein, auf
das die Gegner der EU nur gewartet haben. Bei der EU liegt nun die
Beweislast, dass sie es besser kann.
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03.05.2017
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MÜLLENDER, Bernd
(2017): Mitten unter uns.
Reportage: Die Stadt Aachen
veranstaltet Trauerfeiern für vereinsamt Verstorbene: ohne Familie,
ohne Angehörige, manche auch ohne Freunde - aber mit einem letzten
Würdevollen Gedenken,
in:
TAZ v. 03.05.
"Die Stadt Aachen gibt 133 Menschen
mit einer öffentlichen Gedenkfeier samt ökumenischem Gottesdienst ein
letzter, würdiger Abschied. Es sind die Verstorbenen der vergangenen
zwölf Monaten, bei denen keine Angehörige ermittelt werden oder
niemand für die Bestattung aufkommen konnte. (...).
Nicht viele Städte händeln das Sterben der Vereinsamten wie Aachen.
Krefeld macht es ähnlich, auch Leipzig, Köln oder Osnabrück. Viele
andere Gemeinden bestatten weiterhin gedenkenlos",
berichtet Bernd MÜLLENDER über die
so genannten Amtsbestattungen, die zu einem Kostenfaktor für die
Kommunen geworden sind:
"Etwa 2.500 Euro aufwärts kostet
die Stadt eine »Bestattung von Amts wegen«. Bei 133 Verstorbenen macht
das an die 350.000 Euro pro Jahr. »Und die Fälle«, sagt Elke Wartmann
vom Ordnungsamt, »nehmen gut zu. In den vergangenen vier Jahren, seit
wir das so machen, mehr als 50 Prozent«. Die Gründe? »Naheliegend«,
meint sie, »immer mehr Familien gehen auseinander, man lebt in der
ganzen Welt verstreut, dazu die wachsende Altersarmut. Und insgesamt
steigt die Vereinsamung ganz offensichtlich erheblich«",
zitiert MÜLLENDER eine
Behördenmitarbeiterin.
Der Soziologe
Janosch SCHOBIN hat sich wissenschaftlich mit dem Phänomen der
Armenbestattungen beschäftigt. Demnach existiert keine für
Deutschland aussagekräftige Statistik über die Entwicklung solcher
Bestattungen. Auch über die Gründe für die Zunahme kann bislang nur
spekuliert werden, weil über die Verstorbenen kaum mehr als ihr Alter
und Geschlecht bekannt ist.
"133 im Jahr klingt nicht viel für
eine Viertelmillionenstadt wie Aachen, indes betrifft das schon jeden
18. aller pro Jahr Verstorbenen. In Köln ist es schon jeder 12, in
Berlin jeder 9. Das sind in der Hauptstadt pro Tag fast 10 vereinsamt
Verstorbene",
berichtet MÜLLENDER. Aber was sagt
das aus? Arme sterben früher, d.h. wir haben es hier oftmals schon mit
den Babyboomern zu tun - meist sind es zudem Männer. Inwiefern also
Steigerungsraten von 50 Prozent einen realistischen Trend beschreiben,
ist mehr als fraglich. Dazu müsste ein größerer Zeitraum beobachtet
und repräsentative Stichproben erhoben werden. Nichts davon ist
derzeit der Fall, sodass es sich hier lediglich um Spekulationen
handelt. Reißerische Berichterstattung verstellt eher den Blick auf
die Realität.
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MOHR, Daniel
(2017): Altersvorsorge im Blindflug.
Das Gelddrucken der Versicherer auf
Kosten der Sparer muss ein Ende haben,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.05.
Daniel MOHR will die Profite der
Finanzdienstleister retten und plädiert deshalb für eine Aufhübschung
der privaten Altersvorsorge, die 3 schwarz-grüne Minister wegen der
mauen Geschäftslage wieder einmal ins Spiel gebracht haben. Unter dem
Begriff Deutschland-Rente firmiert nun eine revidierte Wiederbelebung
der privaten Altersvorsorge, die fatal an die Versprechungen Anfang
des Jahrtausends erinnern. Wieder sollen wir mit sagenhaften Renditen
geködert werden:
"Wer 30 Jahre einzahlte, bekam in
der Vergangenheit im schlechtesten Fall eine jährliche Rendite von 6
Prozent, im besten Fall von 13,6 Prozent",
behauptet nun Daniel MOHR. Dies ist
natürlich gelogen. Nicht einmal das Deutsche Aktieninstitut, die
Lobbyorganisation der Aktie, lässt solchen Unsinn verlautbaren. Und
Volker LOOMAN, der die Millionäre unter den FAZ-Lesern bedient,
geht davon aus, dass nicht einmal 6 Prozent Rendite erreichbar sind.
"Teure Versicherer und
Fondsgesellschaften werden ihre Pfründe ebenso verteidigen wie die
Finanzvertriebe",
glaubt MOHR, um uns weiszumachen,
die Finanzdienstleisterbranche würde etwas gegen die Reanimation der
privaten Altersvorsorge haben. Niemand garantiert uns jedoch, dass die
versprochenen Renditen gehalten werden:
"Und was ist bei Verlusten? Wer
haftet dann? Die Antwort muss heißen: Der Anleger".
Oder anders formuliert: Die
Finanzdienstleistungsbranche gewinnt immer. Das Risiko trägt auch
nicht MOHR, sondern jeder einzelne, der auf diesen Marketingtrick
hereinfällt. Einzig die Stärkung der gesetzlichen Rente sorgt dafür,
dass Altersarmut kein Massenphänomen wird.
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HERZ/KÖHLER/LANDGRAF
(2017): Aufstand der Aktionäre.
Der Versicherer Munich Re bekam es
als Erster zu spüren: Die Investoren sind nicht länger bereit, den
Konzernen einen großzügigen Kapitalrahmen zu gewähren. Diese Erfahrung
werden auch andere Dax-Unternehmen machen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.05.
Wer bei der Altersvorsorge auf
ETF-Indexfonds setzt, der stärkt damit die großen Fondsgesellschaften,
z.B. Blackrock. Diese interessiert nicht das Wohl der Beschäftigten
oder der Arbeitsplatzerhalt, sondern lediglich die Rendite und die ist
am einfachsten mit Massenentlassungen zu erreichen. Am Ende wird sich
die Mittelschicht den Ast absägen, auf dem sie mit ihrer
Altersvorsorge zu sitzen gedenkt!
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Gebietsreformen in der
Debatte
FRITSCHE, Andreas (2017): Koalition hält an Kreisreform fest.
Brandenburg: Am Donnerstag befasst
sich der Innenausschuss des Landtags mit dem Volksbegehren gegen die
Kreisreform. Eine Ablehnung ist programmiert,
in:
Neues Deutschland v. 03.05.
ND/DPA (2017): Noch eine Reform der Gebietsreform?
Thüringen: CDU-Politiker will
Vertrauensabstimmung,
in:
Neues Deutschland v. 03.05.
"Laut Vorschlag des Innenministers
sollen Sitz der Landratsämter in den dann nur noch acht statt 17
Kreisen die Städte Mühlhausen, Sondershausen, Sömmerda, Gotha, Bad
Salzungen, Hildburghausen, Saalfeld und Altenburg werden",
heißt es in dem Bericht, in dem der
Streit um den Kreissitz in Sonderhausen im Vordergrund steht:
"Bürgermeisterin Jutta Krauth (SPD)
(...) wolle sich dafür einsetzen, dass Nordhausen und nichts
Sondershausen Kreissitz nach einer Fusion der Kreise Nordhausen und
Kyffhäuser werde."
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MEISTER, Martina (2017): "Emmanuel Macron wird Frankreich verraten".
Der Rivale von Marine Le Pen hat
ein Problem: Viele Linke in Frankreich verachten ihn. Dazu gehört auch
der Intellektuelle Emmanuel Todd,
in:
Welt v. 03.05.
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02.05.2017
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DAS PARLAMENT-Thema:
Rentenreformen.
Verbesserungen für
Erwerbsunfähige
BIALLAS, Jörg (2017): Beitrag zur Harmonie.
Editorial,
in:
Das Parlament Nr.18 v. 02.05.
HEINE, Claudia (2017): Puzzle für Fortgeschrittene.
Rente: Koalition bessert bei
Erwerbsminderungsrente nach. Renteneinheit soll 2025 kommen,
in:
Das Parlament Nr.18 v. 02.05.
Claudia HEINE berichtet über die
Beratungen der Gesetzesentwürfe zur Erwerbsminderungsrente
(BT-Drucksache 17/11926), zur Ostrentenangleichung (BT-Drucksache
18/11923) sowie die Alternativanträge der Linkspartei (BT-Drucksache
18/12087 und 18/10892) und der Grünen (BT-Drucksache 18/12098).
HEINE, Claudia (2017): Nicht alles auf einmal.
Reformen: Die Eckpunkte der
geplanten Maßnahmen bei Erwerbsminderung und Renteneinheit,
in:
Das Parlament Nr.18 v. 02.05.
QUADBECK, Eva (2017): Solidarität verdient.
Pro: Erwerbsminderung ohne
Abschläge?
in:
Das Parlament Nr.18 v. 02.05.
"Es wäre richtig, den Vorstoß des
CDU-Sozialflügels aufzugreifen und die Erwerbsminderungsrentner von
Abschlägen zu befreien. 1,9 Milliarden Euro Kosten pro Jahr sind
eine hohe Summe. Doch anders als die Mütterrente und die Rente ab 63
würde diese Maßnahme gezielt gegen den sozialen Abstieg der
Betroffenen in Hartz IV oder Grundsicherung wirken",
meint Eva QUADBECK, die in der
jetzt geplanten Reform der Ewerbsminderungsrente nur eine eine
"Anpassung des Systems der Erwerbsminderungsrente an die Rente mit
67" ist.
THELEN, Peter (2017): Risiko Missbrauch.
Contra: Erwerbsminderung ohne
Abschläge?
in:
Das Parlament Nr.18 v. 02.05.
"Gerechtfertigt wird der
versicherungsmathematische Abschlag von 0,3 Prozent pro Monat mit
der längeren Rentenbezugsdauer bei früherem Rentenbeginn. Selbst
wenn sie in jungen Jahren erkranken, erreichen Erwerbsgeminderte
aber oft nicht einmal die durchschnittliche Rentenbezugsdauer von
derzeit 18 Jahren",
meint Peter THELEN, der in
psychischen Erkrankungen ein Einfallstor für den Missbrauch der
Erwerbsrente sieht. Dieses Argument wird zur Zeit auch in der
Schweizer Debatte um die Reform der Invalidenversicherung verwendet,
um zu verhindern, dass bereits Jugendliche eine Rente beziehen
können. Um zu belegen, dass der Missbrauch eine reale Gefahr ist,
verweist er auf die Vergangenheit:
"Als es noch keine Abschläge bei
vorzeitigem Rentenbeginn gab, machten Erwerbsminderungsrenten bis zu
60 Prozent der neu gewährten Renten in einem Jahr aus. Aktuell sind
es 17 Prozent."
HEINE, Claudia (2017): "Ein falscher Anreiz".
Martin Rosemann: Eine Abschaffung
der Abschläge bei der Erwerbsminderungsrente wäre zu riskant, sagt
der SPD-Rentenexperte,
in:
Das Parlament Nr.18 v. 02.05.
Martin ROSEMANN gebraucht das Missbrauchsargument, um sich gegen
eine abschlagsfreie Erwerbsminderungsrente zu wenden. Dass die
Verbesserungen nur für Neurentner gelten sollen, begründet er damit,
dass dies erstens Kosten spare und zweitens immer so gemacht würde.
Auf das Argument, dass dies bei der Mütterrente jedoch anders sei,
erwidert er, dass dies nur wegen der Pauschalregelung gegangen sei,
dass es bei der Erwerbsminderungsrente jedoch "fünf oder sechs
parallele Rechtssituationen für die Betroffenen" gibt. Die
Einführung einer Pauschalregelung für die Bestandsrentner lehnt er
ab, weil dies zu "Ungerechtigkeiten im Einzelfall" führen könnte.
ROSEMANN sieht die Stabilisierung
bzw. Erhöhung des Rentenniveaus nicht im Zusammenhang mit der
Altersarmut, sondern:
"Beim Rentenniveau geht es mehr
um die Frage der Verhinderung des sozialen Abstiegs und darum, dass
das System insgesamt die nötige Akzeptanz hat. Deshalb ist die
Diskussion schon sinnvoll, aber sie ist etwas anderes als die
Diskussion über Altersarmut, wo man zielgenauere Lösungen für
bestimmte Gruppen braucht."
Zur Stärkung der gesetzlichen
Rente seien die "doppelte Haltelinie", zusätzliche Steuermittel und
der Einbezug der Selbständigen notwendig. ROSEMANN verteidigt zudem
das geplante Betriebsrentenstärkungsgesetz und findet eine
Mindestrente für notwendig. Er plädiert für die Solidarrente, die
Andrea NAHLES vorgeschlagen hat.
DOLDERER, Winfried (2017): Der Armutsforscher: Wolfgang
Strengmann-Kuhn.
Parlamentarisches Profil:
"Diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten
können, sollten ohne Abschläge in Rente gehen können,
in:
Das Parlament Nr.18 v. 02.05.
Winfried DOLDERER beschreibt die
Position des sozialpolitischen Sprechers der Grünen, der Abschläge
bei der Erwerbsminderungsrente für systemwidrig hält. Sie geht ihm
aber sowie so nicht weit genug im Kampf gegen die Altersarmut.
Wolfgang STRENGMANN-KUHN plädiert stattdessen für eine
steuerfinanzierte Garantierente oberhalb der Grundsicherung im
Alter. Durch Entkopplung des Rentenbeitrags vom Arbeitsverhältnis
soll die Rente von der Erwerbstätigen- zur Bürgerversicherung
umgebaut werden.
Die Beschreibung der Position
verbindet DOLDERER mit biografischen Aspekten des Wissenschaftlers.
DAS PARLAMENT-Thema: Unruhiger
Ruhestand.
Leben mit der Rente: Die
Weichen für das Leben jenseits der 60 werden viel früher gestellt.
Drei Beispiele erzählen davon
KAILITZ, Susanne (2017): "Ich brauche das Geld".
Krankheit: Leben mit der
Erwerbsminderungsrente,
in:
Das Parlament Nr.18 v. 02.05.
KAILITZ, Susanne (2017): "Ich bereue nichts".
Witwenrente: Von der Selbsthilfe
zur Hilfe für andere,
in:
Das Parlament Nr.18 v. 02.05.
KAILITZ, Susanne (2017): "Wir haben uns arrangiert".
Wende-Zäsur: Die Angst, keinen
Kredit zu bekommen,
in:
Das Parlament Nr.18 v. 02.05.
WEINLEIN, Alexander (2017): Plädoyer für soziale Mindeststandards.
Kultur: Sachverständige sprechen
sich für bessere Bezahlung von Künstlern aus,
in:
Das Parlament Nr.18 v. 02.05.
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NIEWEL, Gianna
(2017): Nett hier.
Büdingen, Hessen, viel Fachwerk,
wenig Arbeitslose. Warum die NPD ausgerechnet hier mehr als zehn
Prozent hat? Keine Ahnung. Der Bürgermeister hat niemanden gefunden,
der zugibt, rechtsradikal gewählt zu haben. Er kämpft trotzdem - im
Namen des Volkes,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 02.05.
"Endgültiges Ergebnis: 10,2 Prozent
für die NPD in der Stadt Büdingen, Hessen. (...) 21.361 Einwohner.
(...) Arbeitslosenquote im Kreis 4,5 Prozent",
nennt Gianna NIEWEL die Fakten der
Wetteraugemeinde Büdingen, dessen Bürgermeister zu einem Kämpfer gegen
den Rechtsradikalismus stilisiert wird.
"Michelau, auf einer Anhöhe
gelegen, 19,5 Prozent NPD. Einfamilienhäuser, Wachhunde, Kinder laufen
Bällen nach. Hier sind nicht mal Geflüchtete untergebracht, sagt Erich
Spamer. Oder Orleshausen, 16,9 Prozent",
verkündet uns NIEWEL.
Michelau hat jedoch nur rund 340 Einwohner, d.h. die 19,5 Prozent
sind in Wirklichkeit nicht einmal 35 Einwohner (bei 50 Prozent
Wahlbeteiligung!) der 21.000 Einwohnergemeinde. Orleshausen hat zwar
über 750 Einwohner, aber auch diese 16,5 Prozent (ca. 61 Einwohner bei
50 Prozent Wahlbeteiligung!) können keineswegs erklären, warum die
Gesamtstadt über 10 Prozent kommt. Wo also wohnten die restlichen
1.000 NPD-Wähler, die uns verschwiegen werden? 2011 kam die NPD auf
2,2 %, hat sich also innerhalb von 5 Jahren fast verfünffacht. Eine
Wählerwanderungsanalyse unterbleibt jedoch, weshalb der Artikel auch
wenig informativ ist. Stattdessen wird uns der Aktionismus des
Bürgermeisters präsentiert. Ob dies jedoch der richtige Weg ist, um
dem Verfall der politischen Kultur in Deutschland entgegen zu treten,
darf bezweifelt werden, denn offenbar ist die Wahl der NPD nur ein
Symptom. Wäre die AfD dort angetreten, hätte man wohl sie gewählt.
Dass die Arbeitslosenquote nur auf
Kreisebene, aber nicht auf Gemeindeebene erfasst wird, zeigt ebenfalls
ein Defizit unserer amtlichen Statistik an, denn dadurch werden
mögliche gravierende Unterschiede in den einzelnen Gemeinden verdeckt.
Vielleicht sieht die Bilanz des Bürgermeisters doch nicht so gut aus
wie sie in der Reportage dargestellt wird?
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RÜRUP, Bert (2017):
Abgabenbescheide für Roboter.
Die Sozialkassen brauchen eine neue
Finanzierungsquelle,
in:
Handelsblatt v. 02.05.
"Für sich genommen sinkt in einer
alternden Gesellschaft die individuelle Arbeitsproduktivität. Dies
lässt sich aber durch höheren Kapitaleinsatz kompensieren. Alterung
muss daher keineswegs zu Wachstums- und Produktivitätspessimismus
führen, wie ihn jüngst die Bundesbank an den Tag legte",
entgegnet Bert RÜRUP.
Demografiepessismus sind die Gemeinsamkeiten von Neoliberalismus und
Nationalkonservatismus - eine Melange wie sie typischerweise von
Hans-Werner SINN verkörpert wird.
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REICHEL, Reiner (2017):
Überschätzte Geldquelle.
Studentenwohnungen: Versicherer
sind ganz wild auf Apartments in Universitätsstädten. Privatanlegern
werden sie wegen der hohen Quadratmetermieten als ideale Geldanlage
angeboten. Ein Blick auf einen Markt mit großen Tücken,
in:
Handelsblatt v. 02.05.
Im herrschenden Finanzkapitalismus
ist das Wohnen zum Spekulationsobjekt geworden. Die kapitalgedeckte
Altersvorsorge verstärkt diesen Trend sogar noch. Wer auf diese Form
der Altersvorsorge setzt, ist mitschuldig an der Wohnungsnot in
Deutschland!
Neoliberale Bildungspolitik hat
zudem dafür gesorgt, dass durch die doppelten Abitursjahrgänge die
Zahl der Studenten aufgebläht wurde und hat damit die Wohnungsnot
gerade für Haushalte von Geringverdienern drastisch erhöht.
Zurückgehende Studentenzahlen
werden von den Immobilienverkäufern kleingeredet. Dann sollen die
Studentenbuden "junge Menschen mit höherem Einkommen - etwa
Wochenendpendler" geeignet sein. Dies dürfte lediglich stimmen,
solange Minimalismus beim Wohnen als der letzte Schrei gilt.
Bekanntlich sind solche Moden eher kurzlebig.
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GRÄBER, Berrit (2017):
Wenn die Schwiegereltern plötzlich miterben.
Für kinderlose Paare gibt es eine
einfache Möglichkeit, die Hinterlassenschaft zu schützen,
in:
Welt
v. 02.05.
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STEIN, Hannes (2017):
Rente mit 70 oder 80.
Leidartikel: Karl Marx hat einfach
zu kurz gedacht: Der Kapitalismus schafft vor unseren Augen das
Proletariat ab. Arbeit wird sich bald grundlegend verändern. Wir
sollten uns mehr Gedanken über die Konsequenzen machen,
in:
Welt
v. 02.05.
Das Versprechen grundlegender
Änderungen der Arbeitswelt gehört zum Kapitalismus wie das Amen zur
Kirche.
"Natürlich ist der Trend zur
Automatisierung schon älter, er begann eigentlich nach dem Zweiten
Weltkrieg. Aber jetzt hat das Tempo sich verschärft",
will uns Hannes STEIN weismachen.
Auf welcher Parallelwelt lebt STEIN eigentlich. War die Dampfmaschine
etwa keine Automatisierung? Und war der Manchester-Kapitalismus keine
Epoche verschärften Tempos? Und der Fordismus? War der nicht auch viel
früher?
Oh Gott! Es wird noch schlimmer.
STEIN hat den Spaßarbeiter erfunden! Glaubt er zumindest:
"Selbstverständlich war vollkommen
richtig, dass Leute, die Knochenarbeit verrichten, sich mit 65 davon
ausruhen können. Aber von dieser Plage wird so wenig übrig bleiben wie
von der Arbeit des Bauern (...) Arbeit wird künftig etwas sein, was
Menschen als Partner von Maschinen verrichten; und sie wird Spaß
machen. Warum sollten Leute mit 65 damit aufhören!"
Das Paradies auf Erden haben uns
schon viele versprochen. Die kurze Ära des Spaßarbeiters wurde in
Deutschland erstmals kurz vor dem Zusammenbruch der New Economy
ausgerufen. Dann feierte die digitale Bohéme den Freelancer als neuen
Spaßarbeiter. Davon hört man auch nichts mehr, stattdessen wird nur
noch vom Prekariat gesprochen. Wir wollen von Spaßarbeitern lieber
nichts mehr lesen!
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STEPHAN, Cora (2017): Normal sein ist ganz normal.
Er ist arbeitsam, familiär,
eigenheimfixiert, ziemlich friedlich: ein Lob auf den modernen
Spiesser,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.05.
Vom
Pflasterstrand zum Loblied auf den Spießer, das ist eine
typisch linke Karriere der so genannten 78er-Generation, die
ihre westdeutsche Karriere im Windschatten der 68er-Generation
vorantrieb. Von der Wiederkehr der Konformität spricht die
Soziologin Cornelia KOPPETSCH. STEPHAN setzt den Spießer mit "Normalos"
gleich, eine Beleidigung für jeden Normalo! Es mag neuerdings
politisch korrekt sein, gegen LGBTQIA zu polemisieren -
schließlich schwamm STEPHAN immer gerne auf jeder Zeitgeistwelle mit.
Wenn STEPHAN neuerdings auf den De-Individualisierungstrip ist, dann
ist der Nationalkonservatismus in Deutschland auf dem Weg zur
Vorherrschaft, denn Neoliberalismus und Nationalkonservatismus sind
keineswegs unvereinbare Strömungen, sondern bilden in Deutschland
längst eine Wahlverwandtschaft.
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LILLA, Mark (2017): Reaktion - das Stiefkind der
Geschichte.
Revolution ist Kult, Kultur,
Historie. Aber ihre Gegner sind interessanter und stärker, als viele
meinen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.05.
Der US-amerikanische Ideengeschichtler Mark LILLA
möchte die neuen Reaktionäre rehabilitieren und hat ein Defizit
entdeckt:
"In jeder einigermassen seriösen
Universitätsbibliothek werden Sie Hunderte von Büchern in allen
wichtigen Weltsprachen finden, die sich mit der Idee der Revolution
auseinandersetzen. Studien über die Reaktion ein Dutzend, wenn Sie
Glück haben."
Der Politikwissenschaftler Albert
O. HIRSCHMAN hat 1991 ein Standardwerk zum Thema verfasst, das 1992
als
Denken gegen die Zukunft ins Deutsche übersetzt wurde. Es
stand am Beginn der CLINTON-Ära, 25 Jahre später am Ende der
neoliberalen Reformära, wirft LILLA nun wieder einen Blick auf das
Phänomen. Nun da die Kollateralschäden der Reformära sichtbar werden,
scheint den neuen Reaktionären mehr Sympathie entgegen zuschlagen als
Anfang der 1990er Jahre. Und was Fortschritt ist und was Rückschritt,
das ist keineswegs gewiss, setzen diese Begriffe doch eine Linearität
voraus, die der Offenheit der Zukunft widerspricht. Neoliberale
betrachten sich als fortschrittlich, doch sind sie es auch?
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HAMADE, Houssam (2017): Für progressiven
Populismus.
Linkssein: Die Feministin Nancy
Fraser sieht in der Anti-Trump-Politisierung neue Chancen für eine
Solidarisierung mit der entfremdeten Arbeiterklasse,
in:
TAZ
v. 02.05.
"Ich selbst engagiere mich für
einen Feminismus der 99 Prozent. Damit stehen wir im erklärten
Gegensatz zu »Glasdeckenfeminismus«: Wir kämpfen sowohl für die
(weiblichen und männlichen) Arbeitenden als auch für Migranten und
die, die sich unbezahlt an Care Work aufreiben",
fasst
Nancy FRASER ihren Standpunkt zusammen. Das einzige was dem
Interviewer einfällt: Unter den 99 Prozent könnten sich doch auch
Rassisten befinden! Und unter der Leserschaft der taz
befinden sich keine Rassisten, könnte man da fragen? Christian BARON
spricht deswegen von Bessermenschen, die ihren Moralismus wie einen
Schutzschild verwenden, um sich nicht mit der sozialen Frage
auseinandersetzen zu müssen.
"An die Stelle einer
antihierarchischen, klassenbewussten und egalitären Auffassung von
Emanzipation trat eine linksliberal-individualistische. Eine »Winner-takes-it-all«-Hierarchie
wurde befördert, um einigen »besonders talentierten« Frauen oder
Lesben und Schwulen ihren Aufstieg zu ermöglichen. Gleichzeitig
muss die Mehrheit ihr Leben im Keller verbringen",
kritisiert FRASER die
US-amerikanische Situation. Die "linksliberal-individualistische"
Variante wurde hierzulande durch den Soziologen Ulrich BECK
popularisiert. Für gesuchte Wissenschaftlerpaare und
Doppelkarrierepaare ist mittlerweile verwirklicht, was BECK Mitte
der 1980er Jahre forderte, der große Rest der Gesellschaft, der
nicht zu diesen glücklichen Wenigen gehört, für die sich die
Individualisierungsversprechungen erfüllt haben, muss die
Folgen der Zwangsmobilität unter dem Hartz IV-Regime selber
tragen. Wissenschaft, Politik und Medien feiern lieber die Gewinner.
Die Verlierer werden erst dann wahrgenommen, wenn sie ihre Stimme
Rechtspopulisten geben. Eine fatale Selbstverstärkungsspirale, die
den Rechten weiteren Zulauf garantiert. Geht's noch dümmer?
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WICHERT, Silke (2017): Königin des Online-Datings.
Whitney Wolfe war Mitbegründerin
der Dating-App Tinder. Jetzt hat sie mit Bumble eine feministische
Variante auf den Markt gebracht - hier bestimmen allein die Frauen
über Kontakte,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.05.
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WENGER, Karin A.
(2017): Die Krisenkinder.
Junge Krankenpfleger in Süditalien
tun sehr viel, um endlich Arbeit zu finden - zum Beispiel Deutsch
lernen und nach Hamburg ziehen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.05.
"In Süditalien hat jeder zweite
Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren keine Arbeit, jeder dritte
ist langzeitarbeitslos. Im Norden hat jeder vierte keine Stelle,
jeder zehnte seit mehr als einem Jahr. Noch 2008 war die
Jugendarbeitslosigkeit in Italien halb so hoch. Die Finanz- und
Wirtschaftskrise hat das Land viel härter getroffen als andere
Staaten in Europa (...).
In dem Quartier in Neapel, in dem Caterino aufgewachsen ist,
stehen diverse Wohnungen leer. Sie gehören Akademikern, die im
Ausland arbeiten. Immer mehr Italiener wanderten in den
vergangenen Jahren aus. Rund 100.000 Personen waren es 2015,
beliebte Destinationen sind Grossbritannien, Deutschland und die
Schweiz. Von früheren Auswanderergenerationen unterscheidet sie,
dass viele von ihnen jung und gut ausgebildet sind. Zudem fällt
auf, dass 2015 zwar immer noch viele Sizilianer die Heimat
verliessen, doch vermehrt auch die Norditaliener die Koffer
packten",
berichtet uns Karin A. WENGER
über die Situation in Italien. Vor nicht einmal 20 Jahren galt
Deutschland aus neoliberaler Sicht als kranker Mann Europas und uns
wurde damit gedroht, dass unsere Jugend Deutschland den Rücken
kehren würde. Mit der amtlichen Statistik wurde dieser Brain Drain -
also die Abwanderung der Gutgebildeten - angeblich nachgewiesen.
Diese Debatte ist längst vergessen, genauso wie die Tatsache, dass
die Generation Golf (Jahrgang 1965 - 1975) zur
verlorenen Generation stilisiert wurde. Das ist inzwischen
vergessen - vielleicht wird man bald von einer goldenen Generation
sprechen, wenn man über die Generation Golf redet. Von daher
sollten Momentaufnahmen kritisch hinterfragt werden, zumal die
EU-Statistiken zur Jugendarbeitslosigkeit - genauso wie zu anderen
politischen Themen - gravierende Mängel aufweisen, sodass Vergleiche
erschwert werden. Zumal man in Deutschland über Italien seit
Jahrzehnten nur Krisenberichte gewöhnt ist. Wie schlimm es um
Italien tatsächlich steht, lassen solche Reportagen kaum vermitteln.
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01.05.2017
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WEIGEL, Ulrich
(2017): Das Proletariat: Vom revolutionären Popanz zum reaktionären
Pöbel?
In der Januar-Ausgabe skizzierte "Blätter"-Mitherausgeber
Micha Brumlik das neue "reaktionäre Subjekt", nämlich das einstige
Proletariat, auf seinem Weg zum Pöbel. Dagegen wendet sich schaft der
Soziologe,
in:
Blätter für deutsche und internationale Politik, Mai
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KURZ-SCHERF, Ingrid
(2017): Marx contra Trump?
Versuch einer feministischen
Orientierung in gespenstischen Zeiten,
in:
Blätter für deutsche und internationale Politik, Mai
Ingrid KURZ-SCHERF verteidigt den Elitenfeminismus gegen eine
marxistisch inspirierte Kritik, z.B. von Nancy FRASER, indem sie einen
"proletarischen Antifeminismus" proklamiert. KURZ-SCHERF insistiert
auf einer "neuen Mehrheit von Minderheiten" - Frauen kann sie damit
wohl nicht meinen, für die sie sich zur Anwältin stilisiert.
KURZ-SCHERF, Jahrgang 1949 gehört zu jener Generation, die von der
Institutionalisierung der Genderforschung in Deutschland profitiert
haben. Für KURZ-SCHERF ist Androzentrismus gleichbedeutend mit
Autoritarismus, was bereits ihre
Kritik an der geplanten Hartz-Reform prägte. Nur trifft das
Repressionsystem Hartz eben nicht nur Frauen, sondern auch Männer, was
aus feministischer Perspektive belanglos ist. Es zeigt jedoch, warum
die soziale Frage nicht vernachlässigt werden kann. Dem
Elitenfeminismus ist eine Ignoranz der vertikalen Klassenfrage zu
eigen.
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FRASER, Nancy
(2017): Who cares? Teil II
Die Ausbeutung der Sorgearbeit im
neoliberalen Kapitalismus,
in:
Blätter für deutsche und internationale Politik, Mai
Nancy FRASER skizziert die historische Gewordensein
unterschiedlicher Regime von Produktion und Reproduktion, deren drei
Dimensionen Vermarktlichung, soziale Sicherheit und Emanzipation
jeweils historisch unterschiedliche Konstellationen darstellten. Das
überkommene System des Fordismus bzw. der Industriearbeit mit seinem
männlichen Ernährer
ist demnach dadurch gekennzeichnet
gewesen, dass sie die "Vermarktlichung und soziale Sicherheit vereint
gegen die Emanzipation" in Stellung brachte. Das gegenwärtige
Akkumulationsregime des Finanzkapitalismus (Allianz von
Vermarktlichung und Feminismus) untergrabe dagegen die soziale
Sicherheit.
"Parallel zur Reduzierung
öffentlicher Versorgungsleistungen und der Rekrutierung von Frauen für
die Lohnarbeit hat der finanzialisierte Kapitalismus auch die
Reallöhne gesenkt und so die Anzahl bezahlter Arbeitsstunden pro
Haushalt erhöht, auf die eine Familie zu ihrem Unterhalt angewiesen
ist. (...). Um den dadurch entstehenden care gap, die
»Sorgelücke« zu schließe, importiert das bestehende Regime
Arbeitskräfte per Migration aus ärmeren in reichere Länder. In der
Regel sind es rassifzierte Frauen, häufig der Landbevölkerung armer
Regionen entstammend, die die vormals von privilegierteren Frauen
verrichtete Reproduktions- und Sorgearbeit übernehmen. (...) Auf diese
Weise entstanden immer längere globale »care-chanis«, globale
»Sorgeketten«. Unter dem Strich wird die »Sorgelücke« dabei allerdings
nicht etwa geschlossen, sondern lediglich verschoben - von reicheren
Familien zu ärmeren, aus dem globalen Norden in den globalen Süden",
berichtet FRASER über ein Phänomen,
das durch den dänischen Guru
Gøsta Esping-Andersen der deutschen Sozialdemokratie als neuer
Wohlfahrtsstaat (2002) angedient wurde und zur Grundlage der
Vereinbarkeit von Familie und Karriere im neuen Ideal der
Doppelkarriere-Familie erhoben wurde. Diese neue Arbeitsteilung
verstärkt die Ungleichheit in Deutschland. Eine Lösung für das neue
Regime hat auch FRASER nicht zu bieten, nur dass sie eine Allianz
zwischen Emanzipation und sozialer Sicherung fordert. Dies aber stellt
die wahre Herausforderung dar und geht sicherlich nicht ohne
erbitterte Kämpfe vonstatten.
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[ zum Seitenanfang ]
Zu den News vom 24. -
30.
April 2017
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Bitte beachten Sie:
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[ Homepage ] |
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