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Medienrundschau:
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Zitat
des Monats:
Die
demografischen Veränderungen zwischen 1900 und 2000 waren
gravierender als jene, die uns bis 2100 erwarten werden
"Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg von 1900 bis
2000 um mehr als 30 Jahre; der Anteil der unter 20-Jährigen
halbierte sich von 44 auf 21 Prozent. Und der Anteil von 65 Plus
hat sich mehr als verdreifacht - von 4,9 auf 16,7 Prozent. Die
demografischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts waren weit
größer als das, was für das 21. Jahrhundert erwartet wird. Nach
der heutigen Logik der Demografen hätte diese »Katastrophe«
drastische Kürzungen der Renten und eine drastische Verlängerung
der Arbeitszeit nötig machen müssen. Was geschah stattdessen?
Der Sozialstaat wurde im vergangenen Jahrhundert massiv
ausgebaut, die wirtschaftliche Entwicklung war immens. Und bei
alledem wurden die Arbeitszeiten in einem heute nicht mehr
vorstellbaren Maß reduziert: Aus 60 Wochenstunden im Jahr 1900
wurden 40, aus (maximal) zwei Wochen Jahresurlaub wurden (in der
Regel) sechs, und auch die Lebensarbeitszeit wurde um mehr als
fünf Jahre gekürzt. Die Demografie-»Logik« erweist sich als
Trugschluss, sobald wir sie rückwirkend auf das 20. Jahrhundert
anwenden."
(aus: Gerd Bosbach & Jens Jürgen Korff
"Die
Zahlen-Trickser
im Cicero, Juni 2017)
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06.06.2017
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MICHLER, Inga
(2017): Väter von Empty-Nest-Syndrom stärker betroffen als Mütter.
Jahrelang wünschen sich Eltern mehr
Ruhe, mehr Zeit für die Karriere und Hobbys. Doch
sind die Kinder
ausgezogen, fallen viele in ein Loch,
in:
Welt v. 06.06.
Inga MICHLER verbreitet
Spekulationen, deren Plausibilität sich aus dem von der Welt
vertretenen Ehemodell ergibt. Die Ökonomen Alan PIPER & Ian JACKSON
haben SOEP-Daten ausgewertet, die angeblich Korrelationen zwischen
Familienstatus und Lebensglück herstellen können. Sie haben also die
vielfältigen Lebensformen missachtet, die sich hinter den
Familienständen ledig/verheiratet/geschieden verbergen. Zudem wird im
zugrunde liegenden SOEP nicht das "Lebensglück" erfasst, sondern
punktuelle Zufriedenheitswerte, die bekanntlich mit der Tagesform,
also dem Erhebungszeitpunkt, erheblich schwanken können. Wer kurz nach
einer Scheidung/Trennung befragt wird, sieht die Sache anders als
jemand, der gerade frisch verliebt ist. Aber was sagt das über das
Lebensglück aus?
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BACH, Stefan
(2017): Permanente Steuerreform.
Steuerpolitische
Leitbilder und Entwicklungstrends,
in:
Aus Politik und
Zeitgeschichte Nr.23-25 v.
06.06.
"Entlastungen der unteren und
mittleren Einkommen (führen) schnell zu erheblichen
Steuerausfällen in Größenordnungen von einem Prozent des BIP und
mehr. Um diese zumindest teilweise zu finanzieren, müssten die
Spitzensteuersätze deutlich angehoben oder sonstige
Reichensteuern erhöht werden, zum Beispiel die Erbschaftssteuer
oder andere Vermögenssteuern. Das stößt auf starken Widerstand
aus der Wirtschaft und den bürgerlichen Parteien und ist auch
innerhalb von SPD und Grünen umstritten", meint Stefan BACH.
ELTER, Constanze
(2017): Alte Kämpfe, neue Positionen?
Steuerpolitik als
Wahlkampfthema,
in:
Aus Politik und
Zeitgeschichte Nr.23-25 v.
06.06.
Constanze ELTER hätte gerne
den "großen Wurf", was eher der immer wieder einmal geforderten
"Bierdeckel"-Reform entspricht als dass es den
Schlechterverdienenden wirklich helfen würde.
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SCHUBERT, Christian (2017): Die OECD rückt nach links.
Die Organisation fordert mehr
Umverteilung und höhere Staatsausgaben. Deutsche Ökonommen halten die
Ratschläge für falsch und werfen der OECD Fehler vor,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.06.
Christian SCHUBERT empört sich
darüber, dass eine Stütze des Neoliberalismus, die OECD, nun
wegzubrechen droht und der deutsche neoliberale Mainstream isoliert
zu werden droht. Die Trendwende verortet SCHUBERT bei der Ernennung
der Ökonomin Catherine MANN, einem Schützling von Paul KRUGMAN, zur
Chefvolkswirtin der OECD.
"Sie fordert mehr Umverteilung
statt den Ausbau von Leistungsanreizen und betont die Stärkung der
Nachfrage anstelle einer Verbesserung der Angebotsbedingungen",
erzürnt sich SCHUBERT.
Umverteilung und Nachfragestärkung fürchten Neoliberale wie der
Teufel das Weihwasser. Das aktuelle
Key Issues Paper der OECD ist also nichts weniger als
Teufelswerk. Die neoliberalen Ökonomen Clemens FUEST und Andreas
PEICHL vom Münchner Ifo-Institut und Lars P. FELD werden uns als
Kritiker des OECD-Kurses präsentiert. Auch der Sachverständigenrat
wird zitiert, obwohl dort der Keyniasianer Peter BOFINGER ein Gegner
der neoliberalen Angebotspolitik, keineswegs mit dem herrschenden
Mainstream übereinstimmt.
SCHUBERT, Christian
(2017): Die Grenzen der OECD.
Kommentar,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.06.
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GAMMELIN, Cerstin
2017): Stillgelegt.
Jeder fünfte Riester-Sparer zahlt
nichts mehr ein. Die staatlich geförderte Altersvorsorge überzeugt
immer weniger,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 06.06.
Keineswegs liefert Cerstin GAMMELIN
neue Zahlen zur Riester-Rente. Dies wird nicht offenbar, weil
Journalisten meist keine Angaben zum Zeitpunkt der Veröffentlichung
der Daten machen müssen. Stattdessen wird lediglich auf eine
Pressemitteilung von Sabine ZIMMERMANN (Linksfraktion) verwiesen,
die diese gestern in Umlauf gebracht hat. Nachrichtenarme Zeiten
eignen sich für solche Lancierungen von alten Daten besonders.
Anlass der Meldung ist, dass erwartet wird,
"dass die SPD diese Woche ihr
Rentenkonzept vorstellen wird."
Man darf bezweifeln, dass dies
eine Offenbarung werden wird. GAMMELIN stellt mangels aktueller
SPD-Konzepte nochmals das schon betagte Gesamtkonzept zur
Alterssicherung von Andrea NAHLES vor. Das Anliegen von ZIMMERMANN
ist jedoch ein Plädoyer für eine Erhöhung des Rentenniveaus auf 53
Prozent.
LAMBECK, Fabian
2017): Riester-Wahnsinn beenden!
Kommentar: Über ein gefährliches
Rentenmodell,
in: Neues
Deutschland
v. 06.06.
Fabian LAMBECK schlägt in die gleiche Kerbe wie ZIMMERMANN. Er weist
zudem darauf hin, dass die Versicherungswirtschaft durch die
Lockerung von gesetzlichen Auflagen zur Gefahr für die Finanzmärkte
und die Wirtschaft werden könnte:
"Ihre Milliarden blähen die
sich abzeichnende Immobilien- und Aktienblase weiter auf. Nun
sollen die Konzerne auch noch Zugriff aufs deutsche Autobahnnetz
erhalten."
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03.06.2017
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MAHLER, Armin
(2017): Nichtstun ist keine Lösung.
Geld: Wer seine Ersparnisse mehren
will, hat es in Zeiten von Niedrigzinsen schwer. Die Anbieter von
Indexfonds und sogenannte Robo-Advisor versprechen Abhilfe. Sieht so
die Zukunft der privaten Altersvorsorge aus?
in:
Spiegel Nr.23 v. 03.06.
Armin MAHLER macht sich zum
Sprachrohr von Andreas HACKETHAL, der uns als "Finanzprofessor an der
Uni Frankfurt" vorgestellt wird.
Verschwiegen wird uns dagegen, dass er politisch gut vernetzt ist.
Wikipedia erklärt uns, dass er "seit Ende 2011 Mitglied der
Börsensachverständigenkommission beim Bundesministerium für Finanzen".
Das ist sehr irreführend, denn keineswegs ist die
Börsensachverständigenkommission (BSK) eine Kommission des
Finanzministeriums, sondern eine Lobbyorganisation der Deutschen
Börse. Auf
boerse.de heißt es:
"Die
Börsensachverständigenkommission wurde 1968 gegründet und ist eine
Initative der Gruppe Deutsche Börse. Die BSK berät in Fragen der
Kapitalmarktpolitik die gesamte Bundesregierung und das
Bundesministerium für Finanzen (BMF). Das Sekretariat der
Börsensachverständigenkommission ist bei der Deutsche Börse AG
angesiedelt."
Bei
Wikipedia heißt es:
"Die BSK wurde 1968 erstmals vom
Bundesminister für Wirtschaft einberufen. Die erste Sitzung fand am
15. Juni 1968 statt. Die BSK besteht aktuell aus 14 Mitgliedern. Die
Mitglieder werden vom Bundesministerium der Finanzen berufen."
Auf den Seiten des
Bundesfinanzministerium findet sich jedoch nirgends ein Hinweis auf
diese BSK oder gar Hinweise auf eine Berufung der Mitglieder. Bei der
Deutschen Börse heißt es dagegen:
"Die seit 1968 bestehende
Börsensachverständigenkommission (BSK) berät das Bundesministerium der
Finanzen in Fragen der Kapitalmarktpolitik. Der BSK gehören an:
Vertreter der Anlegerschutzverbände, Kreditinstitute, Versicherungen,
Investmentgesellschaften, Börsen, Industrie, Deutschen Bundesbank,
Wissenschaft und des Länderarbeitskreises Börsen. Das Sekretariat der
BSK ist bei Patrick Arora, Deutsche Börse AG, angesiedelt."
Die Lobbyorganisation der
Finanzwirtschaft wird also bei Wikipedia geadelt, indem der Anschein
erweckt wird, dass die BSK eine Kommission im Range anderer
Sachverständigenkommissionen wäre. Die Organisation ist ziemlich
öffentlichkeitsscheu, d.h. sie sucht keine Publizität und ist deshalb
eher skeptisch zu betrachten. Dass HACKETHAL zu diesem "Geheimbund"
gehört, spricht nicht für ihn.
Aus Untersuchungen zu Anlagen bei
Onlinebanken leitet der Finanzwissenschaftler ab, dass
"aktive Kleinanleger (...) im
Schnitt »vier Prozent Rendite pro Jahr auf der Straße liegen«"
lassen. Wer aber möchte sich das
schon bescheinigen lassen? Der Artikel reiht sich ein in die Vielzahl
derer, die Lobbyismus in Sachen Aktien als Königsweg der
Altersvorsorge machen.
"Ein ETF auf den Dax hätte in den
vergangenen zehn Jahren, trotz des Börsencrashs infolge der
Finanzkrise, eine durchschnittliche Rendite von über fünf Prozent im
Jahr erzielt",
werden wir geködert. Immerhin
versprachen andere in den letzten Jahren sogar acht Prozent Rendite,
d.h. der Artikel ist skeptischer als die meisten anderen.
Als Beispiel für die
Digitalisierung der Finanzwelt wird uns einzig die Firma Scalable
Capital vorgestellt, deren großmäulige Ankündigungen unkritisch
wiedergegeben werden:
"Ende 2014 starteten sie (...)
Scalable Capital. Inzwischen verwalten sie rund 250 Millionen Euro
Anlegergelder, das klingt viel, ist aber wenig im Vergleich zu den
ehrgeizigen Zielen, die sie sich gesetzt haben: Sie wollen Europas
größter digitaler Vermögensverwalter werden, der größte in Deutschland
sind sie schon.
Wer bei Scalable Kunde werden will, muss mindestens 10.000 Euro
anlegen, der durchschnittliche Anlagebetrag liegt bei 40.000 Euro."
Marketinggag der Firma ist der
Begriff "risikoadjustierte Rendite", was nichts anderes heißt, dass
unterschiedliche Anlegertypen - entsprechend ihrem Risikoverhalten -
berücksichtigt werden, also etwas was selbstverständlich sein sollte!
Als weitere Firmen werden Fintego,
Quirion und Vaamo genannt. Bei letzterer sitzt HACKETHAL im
Aufsichtsrat. Lange hält sich der Artikel aber nicht mit diesen
digitalen Firmen auf, sondern widmet sich den ETF-Fonds:
"Der Siegeszug der passiven Fonds,
der erst vor gut 25 Jahren begann, ist noch lange nicht zu Ende. Er
wird begleitet von den Jubelmeldungen der Branche, die bislang schon
3,9 Billionen Dollar eingesammelt hat und ständig neue Rekorde
verkündet. Und von Auswüchsen, die dem Grundgedanken der ETF-Anlage -
Transparenz und geringe Kosten - widersprechen."
Mit den Auswüchsen hält sich MAHLER
jedoch nicht lange auf, sondern uns wird die PR des
Vermögensverwalters Blackrock vermittelt, der mittlerweile aufgrund
mannigfacher Kritik, auf Imagepflege bedacht ist. Der Artikel, der die
Einwände gegen ETF-Fonds schnell wegwischt, endet mit einer Empfehlung
von HACKETHAL, der den MSCI World propagiert:
"Dieser Weltindex enthält mehr als
1.600 Aktien aus 23 Ländern in unterschiedlichen Währungen, das Risiko
ist somit breit gestreut".
Die breite Streuung verringert sich
jedoch enorm, da über
59 % der vertretenen Aktien aus den USA stammen. 82 Prozent der
Aktien kommen aus nur 6 Ländern. Die restlichen 17 Länder kommen
zusammen auf gerade einmal 18 Prozent. Sollte der Aktienmarkt in den
USA zusammenbrechen, so zieht dieser den Index mit in die Tiefe!
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JIMÉNEZ, Fanny & Henry WASSWA
(2017): 38 Kinder mit 37 Jahren.
Mariam Nabatanzi aus Uganda machte
Schlagzeilen, weil sie 38 Kinder haben soll. Ihr Fall verrät einiges
über die Grenzen der Fruchtbarkeit - und über die Situation von
Müttern in vielen Teilen Afrikas,
in:
Welt v. 03.06.
JIMÉNEZ & WASSWA greifen die
Sensationsgeschichte
At 37, she has given birth to 38 children des Daily
Monitor, einer Tageszeitung in Uganda, auf.
"38 Kinder, das ist auch für
Uganda, wo eine Frau im Schnitt sechs Kinder bekommt, eine Zahl
jenseits der Vorstellungskraft (...).
In Afrika südlich
der Sahara werden weltweit die meisten Zwillinge geboren. 18 von
1000 Kindern - das sind mehr als doppelt so viele wie in Asien und
Südamerika und deutlich mehr als in Europa, Nordamerika oder dem
mittleren Osten, wo zwischen 8 und 16 von 1000 Kindern als Zwilling
geboren werden",
erklären uns JIMÉNEZ & WASSWA, die
sich auf eine Studie im Journal Lance Global Health berufen.
Bei solchen Mehrlingsgeburten ist das Risiko bei der Geburt zu sterben
besonders hoch:
"Und gerade hier, im Afrika südlich
der Sahara, (...) ist das Risiko für eine Frau, an Komplikationen bei
einer Geburt zu sterben, mit 1 zu 31 weltweit am höchsten. In
Deutschland beträgt die Rate 1 zu 11.1000. Mit jeder Schwangerschaft
riskieren Frauen wie Nabatanzi ihr Leben. Und auch die Babys sterben
oft: 15 Prozent aller Kinder, 150.000 Kinder pro Jahr, die vor ihrem
fünften Geburtstag sterben, sind Zwillinge".
Man darf daran erinnern, dass in
den deutschen Medien immer noch allzu oft
Bevölkerungen mit hoher Kindersterblichkeit als Ideal propagiert
werden, um uns Deutschen ein fehlendes Bevölkerungsbewusstsein zu
unterstellen und das angebliche Aussterben beklagen zu können.
Verhütung, so die Autoren, werde in Uganda durch Mythen verhindert,
sodass Frauen wie NABATANZI nicht sterilisiert werden, sondern weiter
unter ungewollten Schwangerschaften leiden müssen.
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BUBROWSKI, Helene
2017): Sie jubeln ihr zu.
Hénin-Beaumont war einmal eine
Hochburg der französischen Linken. Jetzt möchte Marine Le Pen den
Wahlkreis schon im ersten Durchgang gewinnen. Ihre Chancen sind gut,
obwohl sie für "ihre" Wähler konkret gar nichts tun will,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.06.
Helene BUBROWSKI liefert ein
wohlwohlendes Porträt der MACRON-Kandidatin Anne ROQUET, die in der
nordfranzösischen FN-Hochburg Hénin-Beaumont gegen die
Spitzenkandidatin antritt. Während sich die FAZ sonst einen
Dreck um die soziale Herkunft der Kandidaten schert, wenn sie nur
die richtige politische Richtung vertreten, dann dürfen sie auch aus
einem großbürgerlichen Elternhaus kommen. Wenn es um MACRON geht,
dann werden bildungsferne Leibwächter zu Wahlkampfheroen stilisiert:
"Ich hab mich angestrengt, sonst
könnte ich jetzt nicht in den Elysée gehen",
wird ein Kongolesischer
Leibwächter zitiert. Solche Sätze blenden die herrschenden
Machtstrukturen aus, denn Anstrengung oder gar Leistung zählt nicht,
sondern der richtige Habitus ist entscheidend, um in der Elite
geduldet zu werden.
Gerne wird auch das Märchen
traditioneller linker Hochburgen erzählt, in denen der FN nun stark
sei. Tatsächlich sind es immer Skandale von korrupten und unfähigen
Politikern wie in Hénin-Beaumont, die für einen Machtwechsel sorgen
- egal welcher Couleur.
Zuletzt stilisiert BUBROWSKI die
Regionalzeitung
La Voix du Nord, die eine ruhmreiche Vergangenheit
aufzuweisen hat, zum lokalen Kampfblatt gegen die "faschistischen"
Methoden des FN, die die Meinungsfreiheit bedrohen. Tatsächlich sind
die Methoden des FN wenig subtil im Gegensatz zu den "liberalen"
Methoden den politischen Gegner kaltzustellen. Man darf daran
erinnern, dass die Grünen in ihren Anfangszeiten in Deutschland
ähnlichen Repressalien der Medien ausgesetzt waren und heute sind
die meisten ihrer Vertreter kaum mehr vom bürgerlichen Mainstream zu
unterscheiden. Und auch Politiker der AfD wie Konrad ADAM oder
Alexander GAULAND waren entweder FAZ-Mitarbeiter oder
zumindest gern gesehene Gastautoren. Möglicherweise ist gerade die
Nähe zu Rechtspopulisten die Ursache solcher scharfen Abgrenzungen,
denn sonst könnte man auf den nahe liegenden Gedanken kommen, dass
die Unterschiede unwesentlich sind. Die sozialen Probleme werden in
dem Artikel, der in erster Linie Identitätspolitik betreibt, dagegen
nur kurz angerissen, aber mit einer gewaltigen Portion Ekel
präsentiert:
"In der ganzen Gegend ist die
Arbeitslosigkeit hoch und das Bildungsniveau niedrig. Die letzte
Kohlengrube hat 1990 dichtgemacht. Geblieben ist der Ruß an den
Fassaden der Häuser. Doch neue Arbeitsplätze wurden nicht
geschaffen. Die Immobilienpreise sind abgesackt. Nirgends in
Frankreich ist die Lebenserwartung geringer. Touristen verirren sich
nicht hierher. Es ist unmöglich ein Taxi aufzutreiben. In
Hénin-Beaumont, mit 26.000 Einwohnern die größte Stadt im Whlkreis,
hat das letzte Hotel der Stadt im Oktober geschlossen, das Gebäude
steht leer und beginnt zu verrotten. Am Eingang steht noch der Preis
für eine Nacht: 29 Euro. Der letzte Buchladen hat vor vier Jahren
geschlossen. Vor dem Secours Populaire, der die Ärmsten mit
Lebensmitteln und Kleidung versorgt, stehen die Leute Schlange. Es
stinkt nach Müll und Schweiß."
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02.06.2017
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Die
Lebensversicherer in der Debatte
THELEN, Peter
(2017): Versicherer gründen Rentenwerk.
Sozialpartnermodell: Fünf
Traditionsversicherer treten an, die gerade verabschiedete und
umstrittene Reform der Betriebsrenten in die Tat umzusetzen,
in:
Handelsblatt v. 02.06.
Peter THELEN teilt die Lebensversicherer in zwei Gruppen ein: jene
Marktführer der betrieblichen Altersvorsorge wie die Allianz und
die R+V Versicherung, die das Sozialpartnermodell bekämpft haben
und jene Lebensversicherer, die nun die Chancen nutzen wollen wie
die Barmenia, Debeka, Gothaer, Huk-Coburg und die Stuttgarter
Lebensversicherung, die sich zu einem "Rentenwerk"
zusammenschließen wollen. Die Allianz, Ergo, Swiss Liefe und R+V
haben sich bislang die lukrativen Pfründe bei der Metall-Rente und
dem Chemie-Pensionsfonds gesichert. THELEN liefert dazu auch
Stimmen von Uwe LAUE (Debeka) und Henriette MEISSNER (Stuttgarter
Leben).
FROMME, Herbert
(2017): Gemeinsam gegen die Allianz.
Fünf Versicherer tun sich bei der
Betriebsrente zusammen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 02.06.
Herbert FROMME erläutert, dass
die Debeka unter den fünf Lebensversicherern des geplanten
Rentenwerks mit 3,6 Mrd. Prämieneinnahme der Riese im Konsortium
wäre. Die Gothaer kommt auf einen 7 Prozent-Anteil bei der
betrieblichen Altersvorsorge (BAV), während die Allianz mit 20
Mrd. Euro die BAV dominiert. Die R+V kommt mit nur 8,5 Prozent auf
Platz 2. Wenn das Rentenwerk jedoch nur Platz 3 belegen würde,
erscheinen die Zahlen von FROMME nicht stimmig, denn wenn die
Gothaer allein schon auf 7 Prozent Marktanteil kommt, dürften die
anderen 4 Lebensversicherer zusammen nur auf einen Marktanteil von
unter 1,5 Prozent kommen.
FROMME bezweifelt, dass die
Lebensversicherer beim Sozialpartnermodell Geld verdienen können.
Er sieht deshalb die Gründe für das Engagement zum einen als
Möglichkeit den Mitarbeitern weitere lukrativere Policen
aufzuschwatzen und zum anderen soll das neue Geschäftsfeld
mögliche Einbrüche bei der privaten Altersvorsorge kompensieren.
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Das
Betriebsrentenstärkungsgesetz in den
Medien
GERTH, Martin (2017): Reform mit Fehlern.
Betriebsrente: Ein neues Gesetz
soll
Betriebsrenten bei Arbeitgebern und Beschäftigten beliebter machen.
Die Anreize dafür sind jedoch zu schwach,
in:
Wirtschaftswoche Nr.23 v. 02.06.
Martin GERTH klagt, dass das Betriebsrentenstärkungsgesetz nicht die
Unternehmen, sondern vor allem die Lebensversicherer entlaste,
"die Betriebsrentenbeiträge in
betrieblichen Lebensversicherungen, Pensionsfonds und Pensionskassen
anlegen. Bei allen drei Varianten, die 42 Prozent des gesamten
Marktes abdecken, liegt das Anlagerisiko beim Versicherer. Im
Mittelstand sind sogar zwei Drittel der Betriebsrenten über
Lebensversicherungen abgedeckt."
Bei den Direktzusagen und den
Unterstützungskassen seien dagegen heute schon 85 Prozent aller
neuen Betriebsrenten nur noch in Höhe der eingezahlten Beiträge
garantiert. Er beruft sich dabei auf Willis Towers Watson, die ihr
Geschäftsfeld durch die Reform nicht gestärkt sieht.
Wenn nun von Geringverdienern die
Rede ist, werden gerne jene gemeint, die bis zu 2.200 Euro Brutto im
Monat verdienen, obwohl Beschäftigten mit 2.000 Euro Brutto schon
der unteren Mittelschicht zugerechnet werden können.
GERTH jedoch geht es um die
Besser- und Spitzenverdiener:
"Schließlich wollen Arbeitgeber
mit der Betriebsrente vor allem hoch qualifizierte Fachkräfte und
nicht ausgerechnet Geringverdiener ans Unternehmen binden".
Die Betriebsrente soll also in
erster Linie als Instrument der Personalrekrutierung und nicht als
Altersvorsorge dienen. Diese Sicht entspricht der CDU, während die
SPD die Betriebsrente als Bekämpfung der Altersarmut verkauft.
DPA (2017): "Für alle ein Plus".
Bundestag beschließt Reform der
Betriebsrenten. Grüne warnen vor Risikoverlagerung,
in:
Frankfurter Rundschau v. 02.06.
Die Agenturmeldung liefert Stimmen von Matthias BIRKWALD
(Linkspartei) und Matthias KURTH (Grüne) sowie von Karl
SCHIWERLING (CDU). Letzterer sieht das Sozialpartnermodell als
Instrument der Personalrekrutierung, während Linke und Grüne das
Gesetz im Parlament ablehnten.
Da das Betriebsrentengesetz
zustimmungspflichtig ist, muss am 7. Juli noch der Bundesrat
zustimmen.
CREUTZBURG, Dietrich
2017): Rente mit Zukunft.
Kommentar,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 02.06.
Dietrich CREUTZBURG lobt das Betriebsrentenstärkungsgesetz und
kritisiert die Gewerkschaften wegen ihrer Kampagne zur Stärkung der
gesetzlichen Rente. Sie sollten sich stattdessen nur in der
betrieblichen Altersvorsorge engagieren.
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Die
Ostrentenangleichung in den
Medien
LAMBECK, Fabian
(2017): Auf die lange Bank geschoben.
Bundestag beschließt trotz Kritik
von Opposition und Experten die Rentenangleichung bis 2025,
in:
Neues Deutschland v. 02.06.
Fabian LAMBECK berichtet über die Kritik von Sabine ZIMMERMANN
(Linkspartei) am Wegfall der Höherwertung. Die Gewerkschaften, die
ebenfalls lange Zeit für die Beibehaltung plädierten, sind
mittlerweile umgeschwenkt, sodass der Widerstand sich auf rein
ostdeutsche Interessen beschränkte:
"»Im Osten verdienen
Vollzeitbeschäftigte immer noch 24 Prozent weniger als im Westen des
Landes«, so Zimmermann. Tatsächlich gibt es bei den Tariflöhnen kaum
noch Unterschiede, da jedoch mehr als die Hälfte aller Ostdeutschen
ohne Tarifvertrag arbeitet, schließt sich die Lohnlücke in vielen
Bereich nicht."
LAMBECK kramt noch einmal die
Kritik an dem Stufenkonzept von AWO und Eckart BOMSDORF heraus,
letztere ist jedoch durch Änderungen am Gesetzesentwurf in letzter
Minute eingeflossen, was uns LAMBECK verschweigt. Nun kann die
Rentenangleichung nicht mehr durch die Stufen gebremst werden, falls
die Lohnentwicklung eine höhere Angleichung ergeben würde.
Der letzte Kritikpunkt, die
Benachteiligung von Frauen, deren Ehe zu DDR-Zeiten geschieden wurde,
wird durch die Rentenangleichung nicht berücksichtigt. Dazu hatte die
Linkspartei einen entsprechender Antrag eingebracht.
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Die
Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente in den
Medien
DRIBBUSCH, Barbara (2017): Fast jeder zweite Antrag wird vom Gutachter
abgelehnt.
Erwerbsminderung: Ablehnungsquote
bleibt hoch. Erhöhung der Frührente nur für Neuzugänge,
in:
TAZ
v. 02.06.
Barbara DRIBBUSCH kritisiert, dass Verbesserungen bei der
Erwerbsminderungsrente aufgrund von Missbrauchsgefahren unterlassen
blieben. Dazu führt sie die seit 15 Jahren nahezu konstanten
Bewilligungs- und Ablehnungsquoten an.
DRIBBUSCH, Barbara (2017): Kein komfortabler Ausweg.
Kommentar zu höheren
Erwerbsminderungsrenten,
in:
TAZ v. 02.06.
Barbara DRIBBUSCH schickt eine partnerlose Altenpflegerin mit 60
Jahren an die Medienfront, um dem Missbrauchsargument
entgegenzutreten, mit dem weitere Verbesserungen versagt wurden:
"Man bleibt lieber als chronisch
Kranke irgendwie im Job, als eine mickrige Invalidenrente zu
beantragen, die den Gang zum Sozialamt mit der Offenlegung von
Sparkonto, Autobesitz und Kleingarten nach sich zieht. Abgesehen davon
bekommen viele chronisch Kranke gar keine »EM«-Rente, weil sie der
Gutachter als arbeitstauglich beurteilt. Die stagnierende Antragszahl
und die über die Jahre bleichbleibenden Ablehnungsquoten zeigen, dass
die von der Wirtschaft beschworene Missbrauchsgefahr bei der EM-Rente
gering ist."
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LEHMANN, Anna (2017): Doch wieder Schmuddelkind.
Linkspartei: Aus der Traum vom
rot-rot-grünen Regierungsbündnis? Die SPD keilt gegen die Linkspartei
aus und kokettiert in Richtung FDP. Wie die Linken damit umgehen,
in:
TAZ v. 02.06.
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HÄRING, Norbert
(2017): Täuschende Statistik.
Bücher über Zahlenlügen,
in:
Handelsblatt v. 02.06.
Norbert HÄRING stellt das zwei
Jahre alte Buch von Walter KRÄMER dem neu erschienenen Buch Die
Zahlentrickser von Gerd BOSBACH & Jens Jürgen KORFF beiseite, um
die angeblich wertneutrale Frage zu stellen, wer die überzeugendere
Kritik liefert.
Das ist schon deshalb
fadenscheinig, weil Walter KRÄMER keineswegs nur statistische Tricks
entlarvt, sondern auch gleich noch normative Prämissen mitliefert.
So wird das Konzept der relativen Armut von KRÄMER diffamiert, um
einen absoluten Armutsbegriff zu glorifizieren. Tatsächlich lassen
sich jedoch - anders wie HÄRING suggeriert - Themenfelder und Tricks
nicht voneinander trennen. Ob man nun Bücher nach Themenfelder oder
Tricks ordnet, das hat nichts mit der "überzeugenderen Kritik" zu
tun, sondern ist auch unterschiedlichen Leserinteressen geschludet.
"Wer einmal nachvollzogen hat,
wie mit zu engen, zu weiten oder gänzlich ungeeigneten
Vergleichsgruppen die gewünschte Botschaft aus den Daten
herausgekitzelt wird (...), der ist gut gerüstet, bei der nächsten
Grafik die richtigen Fragen zu stellen. Unabhängig von seinen
politischen Vorlieben",
glaubt HÄRING. Das mag für
geschulte Augen gelten, aber nicht für in Statistik Ungeübte. Zudem
verkennt dies, dass Sehgewohnheiten durchaus auch in langen
Traditionen so sehr eingeübt sein können, dass sie gar nicht als
Darstellungstricks erkannt werden. Das zeigt z.B. Thomas ETZEMÜLLER
anschaulich in seinem Buch
Ein ewigwährender Untergang. Wer sich für die
bevölkerungspolitischen Debatte interessiert, für den ist das Buch
von BOSBACH & KORFF jedenfalls die bessere Wahl, denn auch das
gezielte Ausblenden von Sachverhalten muss zu den Darstellungstricks
gezählt werden. Die richtigen Fragen zu stellen, dazu bedarf es mehr
als nur Grafiken auf simple Darstellungstricks untersuchen zu
können.
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NZZ-Schweiz-Thema: 15 Jahre Personenfreizügigkeit.
Falsche Prognosen zur Zuwanderung:
Am 1. Juni 2002 trat das Freizügigkeitsabkommen mit der EU in Kraft.
Die Einwanderung hat viel stärker zugenommen als damals erwartet, der
Wohlstandsgewinn ist positiv, hält sich aber bei einer
Pro-Kopf-Betrachtung in Grenzen. Das Beispiel Liechtenstein zeigt,
dass Zuwanderung und Prosperität auch mit einer Schutzklausel nicht
einfach zu vereinbaren sind
GMÜR, Heidi
(2017): "Ich habe die Attraktivität der Schweiz unterschätzt".
Migrationsforscher Thomas
Straubhaar rechnete mit einer Netto-Einwanderung von 10.000 Personen
pro Jahr - es kam anders,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.06.
Was in Deutschland kaum vorstellbar ist, in den Schweizer Medien
wird es praktiziert: Ökonomen müssen sich für ihre Fehlprognosen
rechtfertigen, so z.B. Thomas STRAUBHAAR, der bei zwei von drei
Gründen für Fehleinschätzungen patzte. Während die empirische
Extrapolation zum Handwerkszeug eines Prognostikers gehört, sind
die WENN-Annahmen das A und O vernünftiger Vorausberechnungen, die
jedoch meist den Interessen der Auftragsgeber geopfert werden.
Interessen als Grund zu nennen, geht für einen Wissenschaftler
jedoch nicht, weshalb STRAUBHAAR als Ursachen seiner
Fehleinschätzung eine "falsche Theorie" und "falsche
Schlussfolgerungen" nennt.
Bevölkerungswissenschaftler
sind da noch dreister als Ökonomen, denn sie übernehmen lediglich
die Verantwortung für die empirische Extrapolation und berufen
sich dann beim Nichteintreffen von Bevölkerungsvorausberechnungen
auf unvorhersehbare Entwicklungen. Auch STRAUBHAAR greift auf
diese beliebte Argumentationsfigur zurück, wenn er von "exogenen
Schocks" spricht, damit meint der die Finanzkrise, die nicht
vorhersehbar sei.
Böswillig könnte man deshalb
behaupten, es ist völlig egal, was prognostiziert wird, wenn es
nur die herrschende Politik unterstützt. Langfristig gesehen wird
dadurch jedoch die Glaubwürdigkeit solcher Prognostik untergraben.
Mehr als reine Scholastik wäre heute die Infragestellung von
linearen Fortschreibungen der Vergangenheit gefragt. Statt Trends
fortzuschreiben, sollten mögliche Gegentrends berücksichtigt
werden. Damit aber würde die Attraktivität der Demografie als
Entlastungsstrategie politischer oder ökonomischer
Entscheidungsträger geschmälert.
Fazit: Man wünscht sich in
deutschen Medien mehr Mut, Prognostiker zur Rede zu stellen und
Fehlprognosen vermehrt zum Thema zu machen.
GEMPERLI, Simon (2017): Liechtenstein hat, was die Schweiz möchte.
Im Fürstentum gilt eine
Einwanderungs-Schutzklausel,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.06.
GEMPERLI, Simon (2017): Produktivität statt Zuwanderung.
Kommentar: 15 Jahre
Personenfreizügigkeit,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.06.
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HOFMANN, Daniel (2017): Wird die Ökonomie grosse Finanzkrisen je
vorhersagen?
Das Unvermögen der
Wirtschaftswissenschaft, die jüngste Krise zu prognostizieren, hat ihr
Kritik eingetragen. Das Fundament der neoklassischen Theorie erwies
sich als morsch,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.06.
Die Neoklassik ist gleichzusetzen
mit der Rechtfertigungslehre des Neoliberalismus. Daniel HOFMANN
greift daraus zwei Annahmen heraus, um der Ökonomie ein Face-Lifting
zu verpassen: zum einen das Menschenbild des Homo oeconomicus und
zum anderen die Vorstellung effizienter Märkte. Der Homo oeconomicus
wird nun einfach durch das Gegenteil ersetzt: den von Emotionen
irregeleiten Menschen, dem die Verhaltensökonomie nun auf den Pfad
der ökonomischen Tugendhaftigkeit verhelfen soll. In die gleiche
Richtung weisen "biologische und neurologische Modelle". Dahinter
steckt die Idee, dass man einfach so weitermachen könnte wie bisher,
ohne an den Vorstellungen rütteln zu müssen, dass das ökonomische
Denkgebäude auf unhinterfragten Machtstrukturen fußt. Was aber
passiert bei Machtverschiebungen? Diese könnten das Denkgebäude wie
ein Kartenhaus einstürzen lassen, doch davon sehen sich die
westlichen Industrienationen weit entfernt.
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Die Altersvorsorge in
der Schweiz in der Debatte
FORSTER, Christof (2017): Hände weg vom Alterskapital.
Der Bezug von Einlagen in der
zweiten Säule soll nur noch für Wohneigentum und Selbständigkeit
möglich sein,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.06.
SCHÖCHLI, Hansueli (2017): Keine Bundesüberschüsse für die AHV.
Nationalrat lehnt einen Vorstoss
aus der CVP ab,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.06.
PRINZ, Christopher
(2017): Weniger Renten, mehr Integration.
Gastkommentar:
Invalidenversicherung,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.06.
Christopher PRINZ von der
OECD will der Schweizer Invalidenversicherung einen
rabiaten Kurswechsel bei der Invalidenversicherung verpassen.
Selbst das Vorbild Dänemark ist PRINZ zu lasch, denn es
soll in der Schweiz keine Rente für unter 45-Jährige (Dänemark:
unter 40-Jährige) mehr geben und statt erst auf
Rehabilitationsmaßnahmen wie in Dänemark zu setzen, soll sofort
auf Integrationsmaßnahmen in den Arbeitsmarkt gesetzt werden:
"Der dänische Weg
(Abschaffung von Teilrenten und stattdessen Zahlung von
Lohnsubventionen) hat (...) einen viel positiveren
Signalcharakter. (...).
In den letzten Jahren gab es in der Schweiz eine Diskussion,
ob das Mindestrentenalter von 18 auf 30 Jahre heraufgesetzt
werden sollte. Die dänischen Erfahrungen zeigen, dass eine
Altersgrenze von 30 Jahren das Potenzial nicht ausschöpft, da
es sich bei den früh Berenteten oft um unumstrittene
Rentenfälle handelt. (...). Insofern ist »Keine Rente unter
30« nicht die optimale Lösung - diese sollte vielmehr heissen:
»Keine Rente unter 45«. Darunter sollte nur in klar defnierten
Ausnahmefällen eine Invalidenrente zugesprochen werden."
Die Reform in Dänemark trat
jedoch erst 2013 in Kraft. Es ist also viel zu früh, um daraus
jene Schlüsse zu ziehen, die der "OECD-Kommissar" empfiehlt.
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01.06.2017
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LAMBECK, Fabian
(2017): Die Armen von morgen.
Titelgeschichte Deutschland, einig
Kinderland? Kommentar zu bevorzugten und benachteiligten Kindern,
in:
Neues Deutschland v. 01.06.
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HÖDL, Saskia
(2017): 8 Sätze, die Schwangere nicht mehr hören wollen.
Kinderkriegen: Als hätten
Schwangere beim Zeugungsprozess nervige Kommentar mitabonniert, texten
Außenstehende sie mit diesen Sprüchen zu,
in:
TAZ v. 01.06.
Saskia HÖDL beruhigt, die so sehr auf Öko-Moralismus getrimmten
taz-Leser damit, dass es zwar in der Welt schon genug Kinder
gibt, aber auf den falschen Kontinenten. HÖDL will uns tatsächlich
weismachen, dass sie weiß wie viele Menschen 2090 - also in über 70
Jahren - in Europa und Deutschland leben werden. Da machen ein, zwei
oder sogar viele deutsche Schwangere (möglichst nur deutschstämmige
Akademikerinnen!) mit ihren politisch korrekten Einstellungen
zum umweltverträglichen Konsum nichts aus, so die dumme
Argumentation von HÖDL, denn diese geht von einem wertenden Begriff
von "Überbevölkerung" aus, der genauso gut von AfD-Wählern vertreten
werden könnte. Dabei legt man bei der taz doch so viel Wert
auf eine Abgrenzung.
Und was dabei am meisten ärgert:
Das Argument "Gibt schon genug Kinder" war in Deutschland in erster
Linie in den 1970er und 1980er Jahren verbreitet. Heutzutage spielt
das Argument so gut wie keine Rolle mehr.
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Der Freitag bezeichnet sich als Meinungsmedium, was offenbar
bedeutet, dass Fakten entsprechend der eigenen Meinung zurecht gebogen
werden. Sebastian PUSCHNER erklärt uns im Wochenthema mit Hinweis auf
die Berechnungen des IMK:
"Durchschnittliche Einkommen
würden überschätzt, der Unterschied zwischen Brutto- und zu
versteuerndem Einkommen vernachlässigt und der Durchschnitts- mit
dem Grenzsteuersatz durcheinander gebracht."
Sein Kollege Christian FÜLLER
schert sich dagegen einen Dreck um diese Punkte, wodurch bei ihm
Normalos zu Zahlern des Spitzensteuersatzes werden. Sollten nicht
zumindest die Fakten bei einem Wochenthema stimmen? Auch ein reines
Meinungsblatt sollte der Aufklärung verpflichtet sein, statt nur
irgendwelchen Zielgruppen Bestätigung zu verschaffen. Wer solchen
Blödsinn zulässt, der sollte nicht mehr über Filterblasen und sonstige
Verzerrungen im Internet schwadronieren dürfen.
PUSCHNER, Sebastian
(2017): Jetzt beim Staat anlegen.
Investieren: Deutschland fährt auf
Verschleiß. Und leistet sich trotzdem einen fragwürdigen Wahlkampf um
angebliche Steuerlasten,
in:
Freitag Nr.22 v. 01.06.
FÜLLER, Christian
(2017): Steuersenkungen sind links.
Gerechtigkeit: Die wichtigste und
mächtigste Klientel der SPD ist die Mittelschicht. Ihr kein Angebot zu
machen ist Martin Schulz' Kardinalfehler,
in:
Freitag Nr.22 v. 01.06.
Christian FÜLLER schwadroniert
von Aufstieg, wo nur Statuserhalt gemeint ist. Martin SCHULZ wird
dann zum "Held des Aus-der-Mitte-nach-oben-Märchen" stilisiert. Nur
ist SCHULZ nicht aus der Mitte in die Oberschicht aufgestiegen,
sondern hat lediglich sein Einkommensniveau verbessert, was mit
sozialem Aufstieg nichts zu tun hat. Zudem verwendet FÜLLER einen
ökonomistischen Mittelschicht-Begriff,
der im Vergleich zu den üblichen Einkommensbereichen sehr weit ist:
"Diese Gruppe ist nun ziemlich
groß, sie bewohnt das soziologische Riesenreich, das etwa 70
Prozent der Gesellschaft ausmacht. Die Mitte beginnt bei den
Menschen, die circa 1.700 Euro monatlich verdienen.
Uni-Absolventen mit erstem Gehalt, sie schließt auch kleine
Bürgerliche und Beamte ein, die stolz auf ihre Bildung sind, und
reicht bis hin zur Leistungsträgern, die 8.000 oder gar 9.000
Einwohner verdienen. (...).
Die Mitte der Gesellschaft rangiert, vom Gehalt her, bei
Bruttoeinkommen zwischen 35.000 und 107.000 Euro jährlich."
Normalerweise wird die Mitte
nicht wie hier durch das Bruttomonats- oder Bruttojahreseinkommen
definiert, sondern durch das Nettohaushaltseinkommen (vgl.
Mark SCHIERITZ). Falsch wird es
jedoch, wenn FÜLLER das Bruttoeinkommen mit dem zu versteuernden
Einkommen gleichsetzt:
"Das
Zentrum dieser Mitte, nämlich zu versteuernde Einkommen von 53.000
Euro, wird nach dem herrschenden Steuertarif bereits als
Topverdiener eingestuft. Die Mitte bezahlt den Spitzensteuersatz!"
In Wirklichkeit liegt der
Spitzensteuersatz bei rund 64.000 Euro Bruttojahreseinkommen, was
einen zu versteuernden Einkommen von rund 53.000 Euro entspricht -
und auch nur für einen Einpersonenhaushalt. Und der
Spitzensteuersatz wird auch nur auf den Gehaltsteil des zu
versteuernden Einkommens - und nicht wie FÜLLER suggeriert - auf das
Bruttojahreseinkommen - angewandt, der über die 53.000 Euro
hinausgeht. FÜLLER verdummt uns genauso wie die Lobbyorganisation
der Arbeitgeber, die diesen Unsinn in Umlauf gebracht hat.
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Der
Programmentwurf
10 Punkte für grünes Regieren in den Medien
SCHULTE, Ulrich
(2017): Grüne demonstrieren Einigkeit.
Bundestagswahl: Die Partei stellt
einen Zehnpunkteplan für grünes Regierung vor. Wichtigste Botschaft:
Die Ökopartei zieht geschlossen in den Wahlkampf. Für die Partei ist
das inzwischen überlebenswichtig,
in:
TAZ v. 01.06.
Die Grünen verabschieden sich
von Rot-Rot-Grün und wollen stattdessen die bessere FDP sein:
"Auf ihrem letzten Parteitag
beschlossen sie zum Beispiel eine Vermögenssteuer - davon ist in
dem Regierungsplan keine Rede. Auch die Reform des
Ehegattensplittings, die in der Partei leidenschaftlich
diskutiert wurde, fehlt, ebenso Verbesserungen für
Hartz-IV-Empfänger. Die Grünen zoomen sich an die Interessen
einer bürgerlichen Klientel heran."
Unter Punkt 6 des
Regierungsplans heißt es zur gesetzlichen Rente lapidar:
"Wir wollen dafür sorgen,
dass der Sozialstaat sein Versprechen auf Sicherheit auch in
Zukunft noch einlösen kann. Und wir wollen soziale Ungleichheit
in Deutschland verringern. Deshalb bauen wir die sozialen
Sicherungssysteme schrittweise zu einer solidarischen
Bürgerversicherung für alle um. Wir stabilisieren das
Rentenniveau."
Es wird kein Wert genannt,
sodass auch eine Stabilisierung auf 30 Prozent im Jahr 2060
denkbar wäre, was zeigt, dass es sich um reine Worthülsen handelt.
Im
Entwurf des Wahlprogramms heißt es dagegen:
"Das heutige gegenüber dem
Jahr 1998 bereits erheblich abgesenkte Rentenniveau sollte nicht
weiter fallen. Dabei müssen Rentenniveau und Beitragssatz in
einem angemessenen Verhältnis stehen, damit auch die junge
Generation weiter in die gesetzliche Rente vertrauen kann."
Auch diese Formulierung ist
schwammig und lässt großen Spielraum durch den Hinweis auf den
Beitragssatz. Was heißt hier "angemessenes Verhältnis" und was ist
mit der Steuerfinanzierung? Auch das Wahlprogramm bleibt mehr
Antworten als notwendig schuldig.
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Das
Betriebsrentenstärkungsgesetz in den
Medien
CREUTZBURG, Dietrich & Kerstin
SCHWENN
(2017): Bonbons für künftige Betriebsrentner.
Die große Koalition will mit
Zuschüssen, Steuerförderung und Anrechnung die zweite Renten-Säule
stärken,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 01.06.
CREUTZBURG & SCHWENN heben als
Verfechter der kapitalgedeckten Altersvorsorge nur deren angeblichen
und tatsächlichen Vorteile - insbesondere für Unternehmen und
Spitzenverdiener hervor, während die Schwächung der gesetzlichen Rente
durch die Entgeltumwandlung und die Subventionierung der
Finanzdienstleister außen vor bleibt.
BALCEROWIAK, Rainer
(2017): Werben für eine gute Rente.
Die DGB-Gewerkschaften versuchen
mit einer großangelegten Kampagne, ihre Forderungen bekannt zu
machen,
in:
Neues Deutschland v. 01.06.
Rainer BALCEROWIAK berichtet über einen bundesweiten Aktionstag des
DGB, der ein Schuss in den Ofen sein dürfte, denn ausgerechnet an
stark von Berufspendlern frequentierten Orten, will der DGB die
Menschen mittels Flyer erreichen. Wer hat schon auf dem Weg zur Arbeit
Zeit für einen Plausch? Und das Papier landet oftmals ungelesen im
nächsten Papierkorp. Schade um das viele Geld!
Annelie BUNTENBACHEN kritisiert an
der Aufwertung der Betriebsrente lediglich das Fehlen eines "festen
Sicherungsbeitrags" und der Allgemeinverbindlichkeitserklärung von
Tarifverträgen. Die Probleme der gesetzlichen Rentenversicherung durch
die Entgeltumwandlung werden dagegen nicht einmal erwähnt.
Fazit: Der Aktionstag zur Stärkung
der gesetzlichen Rente ist nicht mehr als eine Farce angesichts des
fehlenden Widerstands der Gewerkschaften gegen den Ausbau der
kapitalgedeckten Altersvorsorge.
BUTTERWEGGE, Christoph (2017): Riester reloaded.
Gastbeitrag: Union und SPD stärken
die betriebliche Altersvorsorge und schwächen die gesetzliche. Was
ist zu tun?,
in:
Frankfurter Rundschau v. 01.06.
Christoph BUTTERWEGGE kritisiert den neuerlichen Ausbau der
kapitalgedeckten Altersvorsorge, die zu Lasten der gesetzlichen
Rente geht. Dass die Gewerkschaften dieses Spiel zu Lasten der
Schlechterverdiener mitmachten, führt er auf die Stärkung ihrer
Machtinteressen bei der Gestaltung von Tarifverträgen zurück.
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CREUTZBURG, Dietrich
(2017): Arbeitslosenzahl sinkt unter 2,5 Millionen.
Der Aufschwung am deutschen
Arbeitsmarkt läuft ungebremst. Die Arbeitslosenquote fällt auf 5,6
Prozent. Einen solch niedrigen Wert gab es zuletzt 1981,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 01.06.
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Die Altersvorsorge in
der Schweiz in der Debatte
FERBER, Michael
(2017): "Den Ruhestand neu definieren".
Schuldenberge, Demografie und
Enteignungsgefahr erschweren die Altersvorsorge,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 01.06.
Michael FERBER berichtet über
einen Vortrag der US-amerikanischen Ökonomin Olivia MITCHELL, die
in neoliberalen Kreisen hohes Ansehen genießt und verknüpft dies
mit einem
WEF-Report zur kapitalgedeckten Altersvorsorge in den 6
Ländern mit der größten kapitalgedeckten Altersvorsorge (USA,
Großbritannien, Japan, Niedelande, Kanada und Australien) und den
zwei bevölkerungsreichsten Ländern (China und Indien).
Obwohl in Deutschland gerne
behauptet wird, dass kapitalgedeckte Altersvorsorgesysteme vor dem
Zugriff von Regierungen sicher seien und damit sogar gegen die
Umlagefinanzierung polemisiert wird, sieht die Realität anders
aus:
"So haben laut Mitchell alleine
in den vergangenen zehn Jahren Regierungen in Argentinien (2008),
Irland (2009), Ungarn (2010), Portugal (2011), Polen (2013),
Bulgarien (2015) und Russland (2015) auf die Pensionsvermögen der
Bürger zugegriffen. Dies könne in weiteren Ländern geschehen.
Zudem seien Enteignungen der Vorsorgesparer auch indirekt möglich,
beispielsweise durch neue Steuern"
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Das
Single-Dasein in Italien
DUDZIAK, Johannes
(2017): Sechs Jahrhunderte Stillstand.
In Florenz sind die reichen
Familien von 1427 immer noch reich. Und die armen nach wie vor arm.
Wie lebt die Stadt damit,
in:
Die ZEIT Nr.23 v. 01.06.
Anknüpfend an die Untersuchung
von Guglielmo BARONE & Sauro MOCETTI über die Reichtumsvererbung
im italienischen Florenz berichtet Johannes DUDZIAK aus Florenz.
"Die Prestigeimmobilie der
Oberschicht ist in Italien nicht wie in England oder Frankreich
das Landhaus, sondern der Palazzo, der Stadtpalast. In keiner
anderen italienischen Stadt bewohnen mehr Familien über
Jahrhunderte ihren Palazzo als in der toskanischen Hauptstadt.
Der Wirtschaftshistoriker Richard Goldthwaie schätzt, dass
ungefähr 20 Renaissance-Paläste von den Familien bewohnt werden,
die sie einst haben errichten lassen. Dazu kommt, dass von den
zehn ältesten noch aktiven Familienunternehmen der Welt drei aus
Florenz stammen."
Um die Herausforderungen einer
Traditionsstadt zu beschreiben, greift DUDZIAK auf den im Rahmen
der Agenda 2010 berühmten Satz aus dem Roman Il Gattopardo von
Guiseppe Tomasi Di LAMPEDUSA zurück. DUDZIAK erklärt die
Kontinuität in Italien durch eine andere Haltung des Adels zur
Wirtschaft:
"Anders als in Deutschland
oder Frankreich rümpften nord- und mittelitalienische
Aristokraten nie die Nase über Handel und Kommerz. Die Adligen
haben Florenz als Unternehmer, Politiker, Banker, Künstler oder
Wissenschaftler seit dem Mittelalter maßgeblich geprägt.
DUDZIAK erzählt begeistert über
die Starrheit der Tradition:
"Die Traditionen zu pflegen
und ihr Wissen an ihre Nachkommen weiterzugeben ist für viele
Stadtbewohner ein Lebensziel. Das macht die Gesellschaft
vielleicht weniger dynamisch, aber dafür gemütlicher. »Der
Mensch wird aggressiv, wenn er nicht weiß, wo er herkommt«, sagt
die Archivarin und Familienunternehmerin".
Diese Sicht entspricht dem, was
neuerdings Reaktionäre wie Peter SLOTERDIJK verkünden, die an der
Abschottung der Eliten arbeiten und sich die Nase rümpfen über die
Massen. Das Bild dieser traditionsgelenkten Menschen (RIESMAN)
wird nur getrübt durch den Aufstieg der Populisten:
"Bei den Regionalwahlen kamen
die großen populistischen Parteien Cinque Stelle, Lega Nord und
Fratelli d'Italia zusammen auf knapp 30 Prozent der Stimmen in
Florenz. Im nationalen Vergleich war ihr Stimmanteil zwar nicht
ungewöhnlich hoch, in der toskanischen Hauptstadt aber erzielten
die Populisten ein Rekordergebnis."
Am Ende der Reportage siegt
jedoch wieder die neoliberale Standortwettbewerbsdoktrin über die
reaktionäre Geruhsamkeit:
"Dass
Mailand nach dem Zweiten
Weltkrieg zerbombt und neu aufgebaut werden musste, hatte neben
all der Zerstörung und dem Leid einen Vorteil: Die Mailänder
mussten sich neu erfinden."
Zerstörung durch Kriege und das
SCHUMPETERsche Diktum der schöpferischen Zerstörung haben vieles
gemeinsam. Nur über die Armen von Florenz berichtet DUDZIAK mit
keinem Wort.
STEINFELD, Thomas
(2017): Mit der Leere leben.
Italiens Industrie verschwindet.
Literatur, Kunst und Geschichtsschreibung gewöhnen das Land schon
mal an die Lücke,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 01.06.
Thomas STEINFELD beschreibt
Mailand als Zentrum einer niedergehenden Industriekultur:
"In einem weiten Kreis war
die Industrie um Mailand herum angesiedelt: in Sesto San
Giovanni die Stahlwerke, in Arese die Autohersteller von Alfa
Romeio, in Lambrate deren Kollegen von Lambretta und Innocenti,
in Taliedo der Flugzeugbauer Caproni, in Bicocca die
Reifenfabrik von Pirelli. Und während die Stadt selbst
bürgerlich war und blieb, ein Ort der Verwaltung und der Banken,
des Verlagswesens und später der Mode, die reichste Großstadt
Italiens, entstand um sie herum eine »Kultur der Maschinen« (Cività
delle Macchine, so der Name einer zwischen 1953 und 1979
veröffentlichten Zeitschrift), in der industrielle Produktion
und Lebensform stets zusammengedacht werden sollten: als
italienisches »Kalifornien« für die einen, als lombardisches
»Stalingrad« für die anderen, in jedem Fall aber als eine
Veranstaltung von äußerster Modernität, woran die mehr oder
minder kommunistischen Arbeiterbewegungen einen erheblichen
Anteil hatten. Auch an ihnen macht sich mittlerweile ein
Bewusstsein von verlorener Heimat fest."
STEINFELD stellt etliche Bücher
vor, in denen der Niedergang der Industriekultur in Italien die
Hauptrolle spielt: Fabbrica di carta, eine Anthologie
herausgegeben von Giuseppe LUPO & Giorgio BIGATTI, Tutto è in
frantumi e danza von Guido Maria BRERA & Edoardo NESI, der
autobiografische Roman Un' educazione milanese von Alberto
ROLLO und Populismo 2.0 von Marco REVELLI.
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BOSBACH, Gerd
& Jens Jürgen KORFF (2017): Die Zahlen-Trickser.
Schrumpfen, pflegen und vergreisen
- vier Einwände gegen das demografische Gruselkabinett,
in: Cicero, Juni
Der Statistiker Gerd BOSBACH und
der Historiker Jens Jürgen KORFF gehen den umgekehrten Weg, um die
Statistikmythen der Demagogen des demografischen Wandels zu
entlarven, denn wer Zahlen für 2060 liefert, der muss sich gefallen
lassen, dass umgekehrt in der Rückschau gefragt wird, was aus den
Bevölkerungsvorausberechnungen aus dem Jahr 1960 für das Jahr 2010
geblieben ist. Die Antwort: Nichts außer der Jahreszahl, denn die
Situation des Jahres 2010 hat mit den vorhergesagten Entwicklungen
nichts mehr zu tun.
Betrachtet man die
Veränderungen der Jahre 1900 bis 2000, dann
erscheinen die kommenden Veränderungen mickrig. Ihr Fazit:
"Die Demografie-»Logik« erweist
sich als Trugschluss, sobald wir sie rückwirkend auf das 20.
Jahrhundert anwenden".
Anhand von Beispielen aus dem
Bildungs- und Gesundheitswesen zeigen BOSBACH & KORFF auf, wie
Politiker die demografische Entwicklung als Entlastungsargument für
eigene Fehler und gesellschaftliche Fehlentwicklungen missbrauchen.
"Alle könnten (...) mehr
bekommen, auch Rentnerinnen, Arbeitslose und alleinerziehende
Mütter - wenn es nicht eine kleine Gruppe gäbe, die schon vorher
ein immer größeres Stück aus dem Kuchen herausschneidnet. Das ist
ein Problem der gesellschaftlichen Umverteilung und nicht eines
der Demografie."
BOSBACH & KORFF sehen
dementsprechend die Probleme nicht bei der demografischen
Entwicklung, sondern bei der Fehlfinanzierung der Sozialsysteme, zu
denen ein immer kleinerer Teil beiträgt. Damit werden gemäß den
Autoren die Sozialversicherungssysteme von der volkswirtschaftlichen
Entwicklung abgekoppelt.
BOSBACH plaudert zudem aus dem
Nähkästchen, z.B. über den allseits verehrten Alt-Kanzler Helmut
SCHMIDT, dem es nicht um vernünftige Annahmen als Grundvoraussetzung
einer vernünftigen Vorausberechnung ging, sondern um Berechnungen,
die zur geplanten Politik passten. Solche Berechnungen nach
Gutsherrenart sind auch heutzutage üblich. So liefern die Institute
bei Auftragsstudien jene Ergebnisse, die der Auftragsgeber als
zahlender Kunde erwartet, denn sonst blieben in Zukunft die Aufträge
aus. Das kann sich keiner leisten, der davon seinen Lebensunterhalt
bestreitet. Beispielhaft zeigen BOSBACH & KORFF solche dahinter
steckenden Interessen anhand der INSM auf, die die Interessen der
Unternehmen vertritt. Ihr Schluss:
"Ärztemangel, leere
Sozialkassen, Mangel an Fachkräften: Überall schützt das Schild
»Demografie« vor tieferen Blicken auf Machtstrukturen, eigene
Fehler und Interessenkonflikte."
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LANGENBERG, Britta
(2017): Endspurt.
Mit Anfang 50, auf der Zielgeraden
des Arbeitslebens, taucht für viele plötzlich eine Frage auf: Was tun,
wenn für einen angenehmen Ruhestand noch 1.000 Euro Rente im Monat
fehlen? Eine Anleitung,
in: Capital, Juni
Britta LANGENBERG geht von einem
unrealistischen Beispiel aus, nämlich einem 1965 geborenen Akademiker
(52 Jahre alt), der bereits 25 Jahre in die gesetzliche
Rentenversicherung eingezahlt hat. Mit 67 Jahren und dann 40
Beitragsjahren soll dieser eine Rente von 2.500 Euro erhalten.
Aufgrund der Beitragsbemessungsgrenze ergibt sich ein jährlicher
Höchstwert von ca. 2 Entgeltpunkten. Bei einem Rentenwert von rund 31
Euro sind das bei 40 Beitragsjahren eine Rente von ca. 2.480 Euro, und
auch nur dann, wenn er die ganze Zeit einen durchschnittlichen
Verdienst in Höhe von 6.350 Euro hätte.
Schon die Ausgangssituation ist
also völlig absurd. Realistischer wäre dagegen, dass der Akademiker
neben seiner gesetzlichen Rente eine betriebliche Altersvorsorge
abgeschlossen hat und dadurch zusammen mit seiner gesetzlichen Rente
auf die 2.500 Euro kommt. Aber auch dann gehört er zu den glücklichen
ca. 5,5 % der Bevölkerung, die mit ihrem Einkommen über der
Beitragsbemessungsgrenze liegen.
Dass dieser Akademiker dann noch
innerhalb der verbleibenden 15 Jahre eine Extrarente von 1.000 Euro
zusammensparen kann, das erscheint dann nach der Lektüre des Artikels
mehr als unwahrscheinlich. Angenommen wird ein Sterbealter von 90
Jahren und eine Rentenbezugsdauer von 23 Jahren, d.h. bei der
Lebenserwartung wird nicht von einem Akademiker, sondern von einer
Akademikerin ausgegangen, der Lebenserwartung höher ist.
Nach der
aktuellen Sterbetafel 2013/2015 hat ein 50-jähriger Mann eine
durchschnittliche Lebenserwartung von 29,97 Jahren, d.h. von annähernd
80 Jahren (2017, S.13). Es ist also ziemlich optimistisch von 90
Jahren auszugehen. Eine 50-jährige Frau könnte von ca. 3,4 weiteren
Jahren ausgehen. Die Angaben von LANGENBERG sind also mehr als
optimistisch.
"Weniger als 20 Rentenjahre sollte
man aber nicht einkalkulieren. Nach den offiziellen Zahlen des
Statistischen Bundesamtes leben bereits heute 67-Jährige weitere 16
bis 19 Jahre - Tendenz steigend",
wird uns erklärt. Dumm nur, wenn
man gar nicht erst 67 Jahre alt wird. Wer auch noch Steuerlast und
Kaufkraftverlust durch die Inflation mitberücksichtigt, der wird
schnell entmutigt, weshalb es eher darauf hinausläuft die Ansprüche zu
reduzieren, statt auf ein hohes Alter zu hoffen, in dem man das
gesparte Geld dann auch noch sinnvoll ausgeben kann.
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BAULIG, Christian
(2017): Münster-Schützenhof.
Die Lage der Nation: Jeden Monat
stellt Capital ein spannendes Viertel einer deutschen Stadt oder
Kommune vor,
in: Capital, Juni
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SCHREIBER, Birgit
(2017): Und was kommt nun?
PH-Serie Anders alt werden (3): Die
starken Frauen der Babyboomer-Generation gehen in Rente. Sie haben die
Frauenbewegung mitgetragen, neue Beziehungs- und Familienrollen
gelebt, waren selbstverständlich berufstätig - werden sie auch das
Alter revolutionieren?
in: Psychologie
Heute, Juni
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WEISBROD, Lars (2017): Gehen oder bleiben?
Irgendwann kommen die Fragen, in
fast jeder Beziehung: Was hält mich eigentlich? Reicht das, was wir
miteinander haben? Unser Autor ist einer, der bleibt - jetzt will er
verstehen, warum,
in: Neon,
Juni
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MISCHKE, Thilo (2017): Sie will kein Kind von mir.
Endlich Vater werden, das wünscht
unser Autor sich schon lange. Doch seine Freundin zögert. Und jetzt?
in: Neon,
Juni
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NEON (2017): Ehrliche Kontaktanzeigen,
in: Neon, Juni
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BRUSSIG,
Martin/POSTELS, Dominik/ZINK, Lina
(2017): Niedrige Renten trotz langer Versicherungszeiten.
Eine empirische Analyse der
Risikofaktoren,
in: WSI-Mitteilung,
Heft 4,
Juni
Die steigende Zahl niedriger
Renten führen BRUSSIG/POSTELS/ZINK zum einen auf
Strukturveränderungen des Arbeitsmarktes und zum anderen auf
Veränderungen bei der Absicherung der Folgewirkungen riskanter
Lebenslagen:
"Seien es früher problematische
Zustände wie Langzeitarbeitslosigkeit und niedrige Einkommen
gewesen, die abgesichert wurden, gehe es nun um die Förderung
gesellschaftlich erwünschter Tätigkeiten wie Kindererziehung und
Pflege",
zitieren sie Autoren eine
Untersuchung von Antonio BRETTSCHNEIDER. Ihre eigene Untersuchung
bezieht sich auf die Geburtsjahrgänge 1940 bis 1947, die zum
Zeitpunkt des Renteneintritts in den Jahren 2000 bis 2007 zwischen
60 und 66 Jahren alt waren und mindestens 30 Jahre an
rentenrechtlich relevanten Zeiten aufgewiesen haben. Der Begriff
"niedrige Rente" wird durch den Regelsatz der Grundsicherung incl.
Unterkunfts- und Heizkosten definiert. Als Einflussfaktoren werden
soziodemografische Faktoren (Geschlecht und Region),
versicherungsbiografische Faktoren (Kinderberücksichtigungszeiten,
Kindererziehungszeiten, Pflegezeiten, Krankheitszeiten,
Minijobzeiten, ALG II/Arbeitslosenhilfe, Arbeitslosengeld,
Arbeitslosigkeit, Selbständigkeit, sonstige Zeiten,
Erwerbsminderungsrente, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung
und der Umfang rentenrechtlicher Zeitung), Zu- und Abschläge
(Abschläge, Versorgungsausgleich), Arbeitszeit und das Einkommen
berücksichtigt.
BRUSSIG/POSTELS/ZINK heben die
Bedeutung des sozialen Ausgleichs bei niedrigen Renten hervor. Ihre
Schlussfolgerung:
"Folgewirkungen von
Erwerbsunterbrechungen, wie etwa Einkommensabschläge oder
Teilzeittätigkeit bei Wiedereinstiegen nach Kinderziehungszeiten
oder Arbeitslosigkeit, lassen sich durch das Rentenrecht allein
nur bedingt abfedern. Hier ist die Arbeitsmarktpolitik gefordert.
Durch die Gestaltung des Rentenrechts kann jedoch bewirkt werden,
dass die nachteiligen Folgen prekärer Zustände für die
Alterssicherung begrenzt werden."
Die Autoren merken zudem an, dass
die jüngeren Kohorten stärker durch Einbußen durch
Erwerbsunterbrechungen und Teilzeitbeschäftigung betroffen sind und
hier deshalb die Ausgleichsmechanismen stärker ansetzen müssten.
Angesichts der Tatsache, dass es starke Bestrebungen gibt das
Renteneintrittsalter zu erhöhen und gleichzeitig die Standardrente
durch Erhöhung der Beitragszeiten neu zu definieren, dürften die
Probleme für die Betroffenen noch gravierender als bisher werden.
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SMECHOWSKI, Emilia
(2017): Durch ein gespaltenes Land.
Polen: Musterknabe der EU? Das war
einmal. Polens PiS-Regierung führt das Land in Richtung Nationalismus.
Viele finden das gut...,
in: Geo, Juni
"Ich habe Polen 1988 mit meinen
Eltern verlassen, Richtung Westen. Ich war fast fünf Jahre alt (...).
Dann brach der Sozialismus zusammen, und Polen entwickelte sich zum
Musterknaben der EU, politisch und zunehmend auch ökonomisch. (...).
Mehr als zwei Jahrzehnte lang bewegte sich mein Heimatland scheinbar
unaufhaltsam in Richtung Westen, in Richtung Moderne und Liberalität.
Dachte ich. Doch dann wählte das Volk im Oktober 2015 mit absoluter
Mehrheit die nationalkonservative Partei »Recht und Gerechtigkeit«
(PIS)",
stellt sich Emialia SMECHOWSKI und
ihre Vorstellung von Polen vor. Ihre Reise aus ihrer neuen Heimat
Berlin zurück nach Polen führt sie zuerst nach Koblylin-Borzymy an der
Grenze nach Weißrussland, wo die PiS 85 Prozent der Wählerstimmen
erhielt. Ein Milchbauer und der Gemeindevorstehen werden uns als
typische Vertreter der nationalkonservativen Parteimitglieder und der
Wählerschaft vorgestellt:
"Sie vergleichen ihr Leben nicht
mehr mit dem im Kommunismus oder im Rest Osteuropas. Sie vergleichen
ihr Leben mit dem Westen, mit dem Rest der EU: Was haben die, was wir
nicht haben?
Diese Sehnsucht hat die PiS erkannt",
erklärt uns SMECHOWSKI als Grund
für den Umschwung in Polen.
"Kein anderes Land in der EU hat
von Subventionen so stark profitiert wie Polen. Bis zum Jahr 2020 wird
es aus Brüssel mehr als 150 Milliarden Euro erhalten haben. Das
entspricht, umgerechnet in heutige Kaufkraft, mehr als dem Zehnfachen
dessen, was Westdeutschland nach dem Krieg im Marshallplan als
Darlehen bekam. Polen ist asphaltiert mit neuen Straßen, die es
EU-Fördergeldern zu verdanken hat",
entrüstet sich SMECHOWSKI über die
Vorstellung, Polen bekäme zu wenig Geld von der EU.
"Wir wollen die Werte des Westens
nicht. Keine Ehe für Homosexuelle, kein Adoptionsrecht für Schwule,
keine Abtreibung. (...). Früher bekamen die Frauen zehn Kinder. Heute
wollen sie arbeiten und Spaß haben. Plötzlich interessieren sich alle
für Frauenrechte in Polen",
zitiert den nationalkonservativen
Gemeindevorsteher. Wenn Meinhard MIEGEL König von Deutschland wäre,
dann sähe es in Deutschland nicht besser aus, denn der populäre Ökonom
geißelt bereits seit Jahrzehnten diese Kultur des Individualismus als
Ursache für den Untergang des Abendlandes. Und er ist wahrlich nicht
der Einzigste, der nationalkonservativem Gedankengut anhängt. Die
Frage ist also eher, wann kommt in Deutschland und anderen
europäischen Ländern der nationalkonservative Rollback?
Die Kirche ist SMECHOWSKI zu
mächtig im Osten und die Solidarnosc zu bedeutungslos, was auch daran
liegen mag, dass die Verkehrsinfrastruktur im West Polens besser
ausgebaut ist als im Osten. Polen ist wie Deutschland ein geteiltes
Land und diese Spaltung geht durch alle kapitalistischen Länder,
weshalb die Problematiken überall im Herzen der Industriestaaten
aufbrechen.
In Warschau trifft sich SMECHOWSKI
mit einer Heroin, die zu einem bekannten Gesicht gegen ein geplantes
Abtreibungsverbot wurde. Breslau steht dagegen wie Justyna HELCYK für
die Gegenmoderne: die neofaschistische ONR in Niederschlesien. Zuletzt
geht es in die Ostkarpaten in die Nähe der Slowakei. Dort wohnt der in
Deutschland durch Suhrkamp bekanntgewordene Schriftsteller Andrej
STASIUK, den die Reporterin nach Katowice in Schlesien begleitet.
"Wenn man behauptet, durch Polen
gehe ein Riss, dann steht Stasiuk auf keiner Seite. Der Riss geht
durch ihn selbst",
beschreibt SMECHOWSKI den
Schriftsteller und damit möglicherweise ganz allgemein die Ambivalenz
unserer europäischen Gesellschaften. Und vielleicht kann nur eine
polnische Migrantin ein solch patriotisches Europaverständnis
verbreiten, in dem westliche Werte wie Monolithen wirken, obgleich der
Konsens darüber was das sei, mehr als brüchig ist.
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Zu den News vom 21. -
31.
Mai 2017
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