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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
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Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom 11. - 30. April 2015

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

 Die zunehmende Multilokalität ist eine Herausforderung für Politik und Wissenschaft

"Auf internationaler wie nationaler Ebene führt die erhöhte Mobilität von Personen im Arbeitsprozess wie im Ruhestand zu komplexeren gesellschaftlichen Raumverhältnissen. Wenn Personen an mehreren Orten gleichzeitig aktiv sind, sind sie an jedem dieser Orte nur mit Teilen ihrer Identität und ihrer Beziehungen präsent. In einem Stadtquartier werden dann beispielsweise Einzelhandelsstrukturen, Gastronomieeinrichtungen, religiöse Orte oder öffentliche soziale oder verkehrliche Infrastrukturen seitens der verschiedenen Bevölkerungsgruppen - Wochenpendler, Alteingesessene, Neuzuwanderer, Flüchtlinge, etc. - in unterschiedlicher Häufigkeit und Intensität und auch zu unterschiedlichen Zeiten genutzt. Dieser zunehmenden Komplexität muss seitens der Menschen hinsichtlich ihrer Aktivitäten, aber auch der sie umgebenden Gesellschaften Rechnung getragen werden."
(Rainer Wehrhahn "Relationale Bevölkerungsgeographie", in: Geographische Rundschau, Heft 4, April)

 
       
       
   

BRÄNDLE, Stefan (2015): Zwei Fliegen auf einen Job.
Ältere Mitarbeiter betreut jüngeren: Frankreichs neuer "Generationenvertrag",
in: Frankfurter Rundschau v. 30.04.

FUNK, Viktor (2015): "70 ist eigentlich kein Alter".
Die Diskussion über die fast 21 Millionen Rentner orientiert sich viel zu sehr an Begriffen wie Demografie und Demenz - viel zu wenig wird über Erfahrung, Engagement und Teilhabe gesprochen. Gespräch mit Andreas Kruse,
in: Frankfurter Rundschau v. 30.04.

 
   

SCHMOLL, Thomas (2015): Keine Kohle für den Kuppler.
Warum manche Partnerbörsen auf Gebühren verzichten müssen,
in: Welt v. 29.04.

 
   

Die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes in der Debatte

WELT (2015): Deutschland verliert bis zu 13 Millionen Einwohner.
Trotz Zuwanderung wird die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten deutlich sinken. Gleichzeitig gibt es weniger Erwerbstätige und mehr Alte,
in: Welt v. 29.04.

Die Welt bleibt sich treu und nimmt den niedrigsten vom Statistischen Bundesamt berechneten Bevölkerungsstand für das Jahr 2060 als Schlagzeile. Das Statistische Bundesamt hat jedoch 8 mögliche Varianten berechnet, die von 67,563 Millionen (Rückgang von 13 Millionen Menschen) bis zu 78,606 Millionen (Rückgang von 3 Millionen Menschen) im Jahr 2060 reichen.

Stellungnahmen aus Politik und der profitgierigen Versicherungswirtschaft beenden den Seite 1-Artikel.

KAMANN, Matthias (2015): Auf die Alten kommt es an,
in: Welt v. 29.04.

Der zugehörige Kommentar von Matthias KAMANN nimmt den angeblich unausweichlichen Rückgang um 13 Millionen Menschen zum Anlass, um zum einen gegen Kinderlose zu hetzen:

"Die Geldtransfers von Alt zu Jung sind beachtlich. Doch bislang gibt es fast nur in Familien solchen Altruismus. Ihn müssen künftig auch Kinderlose aufbringen."

Tatsächlich kommen Kinderlose schon heute z. B. für die Schulen mit auf, obwohl nie ein Kind von ihnen je eine Schule besuchen wird. Dagegen wird wohl kaum ein Kinderloser etwas einzuwenden haben. Wenn man also den Beitrag von Kinderlosen beurteilen will, dann sollte man alle gesellschaftlichen Aspekte betrachten und nicht nur einzelne Aspekte herauspicken.

Und zum anderen einen Umbau des Rentensystems zu fordern, wobei KAMANN zu feige ist, konkreter zu werden:

"Form und Beginn des Rentnerdaseins müssen geändert werden".

Angesichts der Tatsache, dass jedoch auch ein nur minimaler Rückgang um nur 3 Millionen Menschen genauso möglich ist, ist die Frage zu stellen, warum die Presse ihre Aufklärungspflicht derartig missbraucht und stattdessen eine tendenziöse Berichterstattung liefert, die eher die Profitinteressen der Versicherungsbranche im Auge hat als das Wohl der Menschen in Deutschland.

KAISER, Tobias (2015): Weniger und älter.
Ohne Zuwanderer ist Deutschland aufgeschmissen. Der demografische Wandel hält bis 2060 an,
in: Welt v. 29.04.

In der Berliner Morgenpost lautet die Schlagzeile des Artikels: Deutschland gehen die Einwohner aus. Bis zu 13 Millionen Menschen weniger als heute leben im Jahr 2060 hier. Tobias KAISER behauptet, dass sich zur Bevölkerungsvorausberechnung aus dem Jahr 2009 "praktisch nichts geändert" hätte, obwohl "unerwartet viele Zuwanderer nach Deutschland gekommen sind". Dass dies nicht sichtbar wird ist zum einen dem Zensus 2011 geschuldet, der dazu führte, dass von heute auf morgen mit 1,5 Millionen Menschen weniger gerechnet werden musste. Diese müssten also bei einem fairen Vergleich hinzugerechnet werden. Zum anderen wurde als Basisjahr 2013 und nicht 2014 gewählt, d.h. die starke Zuwanderung der Jahre 2014 und 2015 fließt überhaupt nicht in die Berechnungen mit ein.

"Kommen heute auf 100 Menschen im Erwerbsalter 34 Seniorinnen und Senioren, würden es 2060 bereits 60 und damit beinahe doppelt so viele sein."

Die Zahlen, die uns KAISER präsentiert, sind der Variante 2 entnommen und beziehen sich auf eine Altersgrenze von 65 Jahren. Im Vergleich zur Variante 2 aus dem Jahr 2009 sind es immerhin 2 "Rentner" weniger geworden. Nimmt man jedoch die realistischere Altersgrenze von 67 Jahren, dann sind es statt der 61,1 nur noch 53,5 "Rentner" (2009 waren es dagegen noch 55,5). In der Frankfurter Rundschau hat Daniel BAUMANN ebenfalls die 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung unter die Lupe genommen und auf Schieflagen bei der Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung hingewiesen.

Der Bevölkerungsstatistiker Gerd BOSBACH weist in der Süddeutschen Zeitung darauf hin, dass ein Blick auf 2060 vergleichbar ist mit einem Blick von 1968 auf heute. Damals wurde aufgrund des Babybooms von einem enormen Bevölkerungswachstum ausgegangen. Im Buch Die Gesellschaft der nächsten Generation aus dem Jahr 1966 heißt es in dem Aufsatz Die Stadt unserer Enkel:

"Die Zahl der Einwohner in der Münchner Stadtregion wird im Jahre 2000 auf mindestens 2,9 Millionen angewachsen sein." (Hermann von Wimpffen 1966,S.117)

Tatsächlich lebten im Jahr 2000 lediglich 1,2 Millionen Menschen in München.

Abgesehen von dieser Art von moderner Kaffeesatzleserei, wäre besser zu fragen, inwiefern z.B. das Jahr 2010 bzw. 2020 an Schrecken verloren hat im Vergleich zu den uns noch seit den 1990er Jahren prophezeiten Katastrophen. Im aktuellen Frühjahrsthema wird genau dieser Frage nachgegangen.

MARON, Thomas (2015): Deutschland schrumpft langsamer.
Tagesthema Altersaufbau: Immer mehr Deutsche leben immer länger, immer weniger Menschen werden hierzulande geboren. Im Jahr 2060 werden deshalb im Extremfall 100 Erwerbstätige 101 Senioren und Kinder versorgen müssen, schätzt das Statistische Bundesamt,
in: Stuttgarter Zeitung v. 29.04.

DC (2015): Einwanderung hält Überalterung nicht auf.
Bist 2035 steigt die Zahl der Rentner stark an. Die heutige Relation zur Arbeitsbevölkerung wäre nur bei einem Renteneinstiegsalter von 74 Jahren zu halten,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.04.

Der Bericht der FAZ stützt sich - wie die Welt - auf diejenige Variante mit den ungünstigsten Berechnungen von 8 Varianten und kommt deshalb zu folgender Schlussfolgerung:

"Wollte man sicherstellen, dass auch im Jahr 2060 noch 34 Ältere auf 100 Erwerbspersonen kommen, müsste das Ruhestandsalter auf 74 Jahre steigen."

Verschwiegen wird jedoch, dass der Rentnerquotient heute weit über diesem Altenquotient liegt, aber sich sehr unterschiedlich entwickeln kann. Entscheidend ist die Arbeitsmarktlage, die Lohnentwicklung und die Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Jobs. Diese Einflussfaktoren relativieren die demografische Kopfzahl erheblich.

ÖCHSNER, Thomas (2015): Das Land der alten Menschen.
Einwanderung kann den Rückgang der Bevölkerung nur abmildern,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.04.

Thomas ÖCHSNER beziffert die Veränderung der Altersstruktur folgendermaßen:

"Bereits 2030 werden 30 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein. Der Anteil der mindestens 80-Jährigen wird sich auf 12 Prozent oder neun Millionen mehr verdoppeln."

Am Ende des Artikels kommt Gerd BOSBACH zu Wort, um die Vorausberechnung zu relativieren.

SAUER, Stefan (2015): Zuwanderung mit Konzept.
Statistisches Bundesamt und Migrationsexperten stellen neue Erkenntnisse vor,
in: Frankfurter Rundschau v. 29.04.

 
   

IDEL, Philipp (2015): Das Problem ist hausgemacht.
Kitas: Das Berliner Kitabündnis rechnet aus, dass 105 Millionen Euro für neue Erzieher und Kitaleiter und mindestens 100 Millionen für die Schaffung neuer Kitaplätze in der Stadt fehlen. Viel zu lange habe man damit gerechnet, dass Berlin schrumpfen wird,
in: TAZ Berlin v. 29.04.

TROJANOW, Ilija (2015): Die automatisierte Zukunft.
Schlagloch: Die Roboter kommen, und mit ihnen für viele Menschen die Armut,
in: TAZ v. 29.04.

 
   

DESTATIS (2015): Neue Bevölkerungsvorausberechnung für Deutschland bis 2060,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 28.04.

Die Pressemeldung ist mehr oder weniger irreführend, weil die entscheidenden WENN-Annahmen politisch motiviert sind und die DANN-Aussagen vorstrukturieren. Aufschlussreich ist dagegen der Tabellenband Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, denn er ermöglicht Vergleiche mit früheren Bevölkerungsvorausberechnungen.

Wie absurd die Annahmen des Statistischen Bundesamtes sind, das zeigt z.B., dass im Pressetext zwei Varianten (Variante 1 und 2) vorgestellt werden, die von einer gleich bleibenden Geburtenrate von 1,4 bis 2060 bei weiter steigendem Erstgebäralter ausgehen. Dagegen liegt die Geburtenrate der Anfang der 1970er Jahre geborenen Frauen jetzt bereits bei 1,6. Zum anderen ist das Basisjahr der 31.12.2013 und nicht der 31.12.2014, sodass die weiter gestiegene Zuwanderung nicht adäquat berücksichtigt wird.

Selbst, wenn man diese Annahmen nimmt, die unter der gegenwärtigen realen Bevölkerungsentwicklung der letzten Jahre liegen, ergibt sich gegenüber der vorangegangenen Bevölkerungsvorausberechnung eine geringere Schrumpfung und selbst eine geringere Alterung. Im Jahr 2009 wurde die 12. Bevölkerungsvorausberechnung (BVB) veröffentlicht. Ein Vergleich für das Jahr 2060 zeigt:

  12. BVB   13. BVB  
  Variante 1 Variante 2 Variante 1 Variante 2
Bevölkerung 64,651 Mill. 70,120 Mill. 67,563 Mill. 73,079 Mill.
Anteil 60 Jahre und älter 40,5 % 39,2 % 39,4 % 38,2 %

Solche langfristigen Entwicklungstrends sind lediglich moderne Kaffeesatzleserei. Sie geben jedoch Aufschluss darüber, inwiefern sich bei den Bevölkerungsvorausberechnungen Richtungsänderungen ergeben haben. Es zeigt sich im Vergleich zur 12. Bevölkerungsvorausberechnung, dass sich sowohl der Trend zur Schrumpfung als auch zur Alterung abgeschwächt hat.

Im diesjährigen Frühjahrsthema geht es passend zur aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung um Deutschlands Zukunft im Spiegel der Öffentlichkeit von 1990 bis heute. Hier kann nachgelesen werden, welche Ängste in den letzten 25 Jahren mittels Bevölkerungsvorausberechnungen geschürt wurden und was tatsächlich eingetreten ist. Denn im Vergleich mit einem geschichtslosen Blick nach Vorn ist der Blick in die vergangene Zukunft aufschlussreicher. Typischerweise wird ja von den Medien nur sehr selten über Fehleinschätzungen der Bevölkerungswissenschaftler geschrieben. Stattdessen wird die aktuelle Bevölkerungsvorausberechnung immer als die dramatischste aller Zeiten beschrieben oder sie wird beschwiegen. Warum veröffentlichte z.B. der Spiegel seine Zukunftsserie zu Deutschland 2030 kurz vor und nicht nach dieser aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung? Offenbar passte dem Spiegel die positive Trendentwicklung nicht ins Konzept.

 
   

BAUMANN, Daniel (2015): Wird die Demografie zur Katastrophe?
Analyse: Einige Argumente gegen die Angst,
in: Frankfurter Rundschau v. 28.04.

 
   

BUJARD, Martin & Detlev LÜCK (2015): Kinderlosigkeit und Kinderreichtum.
Zwei Phänomene und ihre unterschiedlichen theoretischen Erklärungen,
in: Working Paper des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Nr.1 v. 27.04.

Seit Jahren wird auf dieser Website kritisiert, dass die Verengung auf die Bekämpfung der Kinderlosigkeit, bei der sich zudem herausstellte, dass sie bis zum Mikrozensus 2008 weit überschätzt wurde, kontraproduktiv für eine Erhöhung der Geburtenrate ist. Die kinderreiche Familie wurde dagegen sträflich vernachlässigt. Nun dämmert dies auch dem BIB und man ist aus dem Tiefschlaf aufgewacht. 

DORBRITZ, Jügen/Ralina PANOVA/Jasmin PASSET-WITTIG (2015): Gewollt oder Ungewollt.
Der Forschungsstand zu Kinderlosigkeit,
in: Working Paper des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Nr.2 v. 27.04.

Seit den 1990er Jahren kreisen die Schriften des Instituts für Bevölkerungswissenschaft um die steigende Kinderlosigkeit in Deutschland. Da muss es doch sehr erstaunen, wenn jetzt - immerhin 25 Jahre später! - immer noch Literaturstudien erscheinen. Spätestens seit dem Pflegefehlurteil im Jahr 2001 sind die Defizite der Erforschung von Kinderlosigkeit bekannt. Sie wurden auf dieser Website frühzeitig offen gelegt (mehr hier: Das neue Tabuthema - Gewollte Kinderlosigkeit in Deutschland (2002);  Geburtenkrise - Die politische Konstruktion eines Themas (2004); Die Kultur der Kinderlosigkeit in Deutschland (2007); Ein Leben ohne Kinder (2007); Die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen (2012). Die Position von Jürgen DORBRITZ und des BIB wurde ausführlich kritisiert (mehr auch hier).

"Für die weitere Forschung wurden mit den Themen Männer und Kinderlosigkeit, Wege in die Kinderlosigkeit, Ungewollte Kinderlosigkeit und Reproduktionsmedizin sowie Partnerschaftsfindung, Paarkonstellation und Kinderlosigkeit vier Gebiete benannt, in denen sich erhebliche Forschungslücken zeigen",

schreiben die Autoren. Mehr als erstaunlich, denn diese Defizite sind alle hinlänglich bekannt. Man kann darüber auf dieser Website und single-generation.de bereits seit Jahren darüber lesen. Dass dem BIB nun diese Erkenntnis nach fast 15 Jahren ebenfalls dämmert. Welch Wunder! Das ist mehr oder weniger der Offenbarungseid dieses Instituts.     

LÜCK, Detlev/SCHAREIN, Manfred/LUX, Linda/DRESCHMITT, Kai/DORBRITZ, Jürgen (2015): Nur wenn alle Voraussetzungen passen.
Der Forschungsstand zu Kinderreichtum,
in: Working Paper des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Nr.3 v. 27.04.

DRESCHMITT, Kai & Robert NADERI (2015): Sozialwissenschaftliche Daten zur Erforschung von Kinderlosigkeit und Kinderreichtum,
in: Working Paper des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Nr.4 v. 27.04.

 
   

PENNEKAMP, Johannes (2015): Die neue Flirtökonomie.
Der Sonntagsökonom: Die Smartphone-App Tinder ist eine riesige Effizienzmaschine auf dem Markt der Liebe,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 26.04.

 
   

FRITZEN, Florentine (2015): Kindergeld.
Die Politik kann Eltern und Kindern den Alltag erleichtern. Aber die Erfahrung lehrt: Der Staat gründet keine Familien,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 26.04.

 
   

BALZTER, Sebastian & Julia KÖRNER (2015): Letzte Runde.
Das Wirtshaus war einst das Zentrum des Dorflebens. Jetzt geben sogar die einfallreichsten Wirte auf. Ein Nachruf,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 26.04.

 
   

HENNIG VON LANGE, Alexa u.a. (2015): Was bedeutet Ihnen "Faserland"?
"Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke" - vor zwanzig Jahren erschien Christian Krachts "Faserland". Eine Deutschlandreise, ein Roman, der wie sein Autor sofort polarisierte: Muss man genau so heute schreiben? Oder ist das der Untergang der Literatur? Wir haben Schriftsteller zum Jubiläum gefragt, was ihnen das Buch bedeutet. Und ob überhaupt,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 26.04.

 
   

LEHMANN, Anna (2015): Das Versprechen.
Zukunft: Jeder kann es nach oben schaffen. Wenn er sich bildet. Das war der Leitsatz - jahrelang. Heute studieren mehr denn je. Aber wie viele Akademiker brauchen wir?
in: TAZ v. 25.04.

Ist die SPD eine Partei für die Aufsteiger oder eine Partei der Aufgestiegenen? Dies sind die zwei möglichen Bedeutungen des Satzes von Anna LEHMANN:

"Die SPD ist eine Partei der Aufsteiger."

Der Politikwissenschaftler Franz WALTER hat da eine ganz eindeutige Meinung und die Debatte um den angeblichen Akademisierungswahn gibt ihm recht. Die SPD ist die Partei der Besitzstandwahrer jener mit der Bildungsexpansion Aufgestiegenen. Die neubürgerliche taz hat nun den Akademisierungswahn entdeckt.

"Ein akademischer Titel als Versicherung gegen Arbeitslosigkeit oder Schufterei im Niedriglohnsektor - eine halbe Million Schulabgänger glaubt daran. So viele junge Leute immatrikulierten sich im vorigen Studienjahr an den deutschen Hochschulen. Fast doppelt so viele wie zu Beginn der 90er Jahre - und so viele wie nie zuvor. (...).
Jahrzehntelang herrschten stabile Verhältnisse in Deutschland: Die Mehrheit erlernt einen Beruf, eine Minderheit hat einen akademischen Abschluss, aktuell knapp 27 Prozent der jungen Deutschen. In Großbritannien sind es 40 Prozent. Nur: In Großbritannien ist dafür auch die Jugendarbeitslosigkeit viel höher",

erklärt uns LEHMANN. Großbritannien war schon von jeher immer offensichtlicher eine Klassengesellschaft als Deutschland, das sich mit trügerischen Individualisierungsverheißungen - nichts anderes ist der Aufstieg durch Bildung - darüber hinwegtäuschte, dass Herkunft das ausschlaggebende Kriterium für die Zugehörigkeit zur Elite ist. Ausnahmen bestätigen dabei die Regel.

Spätestens seit der Akademikerarbeitslosigkeit der 1980er Jahre und den Studien von Pierre BOURDIEU war klar, dass das Aufstiegsversprechen nicht wirklich eines war. Bereits die Babyboomer wurden im Hochschulsystem geparkt, um den durch die geburtenstarken Jahrgänge überlasteten Arbeitsmarkt zu entlasten. Statusinkonsistenz (oder Postadoleszenz) ist nicht erst das Lebensgefühl der Generation Y - wie der 68er Klaus HURRELMANN in seinem Buch über die heimlichen Revolutionäre behauptet, sondern bereits der deutschen Babyboomer (die Pioniere der Generation X). Das Buch Sexbeat von Diedrich DIEDERICHSEN beschreibt die Generation Praktikum der 1980er Jahre. Denn die Popmoderne bot neben der Bildung die zweite Individualisierungsverheißung. Sind wir noch Bohème oder schon Unterschicht? Diese eher rhetorische Frage stellte sich jedoch noch nicht.

Am Dienstag wird die 13. Bevölkerungsvorausberechnung für Deutschland vorgestellt. Dann wird uns wieder erklärt wie Deutschland im Jahr 2060 aussehen wird. Über unsere Zukunft werden wir wie bereits bei den Vorstellungen von Bevölkerungsvorausberechnungen der vergangenen Jahrzehnte nichts erfahren. Denn genauso wie das Schlagwort vom Akademisierungswahn verschleiern die Bevölkerungsvorausberechnungen die Interessen derjenigen, die sie in die Welt setzen. Aber ohne Hochschulbildung könnten wir nicht einmal die statistischen Voraussetzungen kritisieren und glaubten womöglich den Unsinn, den uns Schlagzeilendichter in den Printmedien wieder vorsetzen werden. Im Jahr der Agenda 2010-Vorausberechnung dichtete z.B. die Welt, dass wir im Jahr 2020 mehr Rentner (60-Jährige und Ältere) zu erwarten hätten als Erwerbsfähige (20- bis 59-Jährige). Mit der Hochschulbildung mag kein automatischer Bildungsaufstieg verknüpft sein, aber sie ermöglicht uns die Selbstaufklärung angesichts des Aufklärungsversagens der Medien.

 
   

GÖRES, Jaochim (2015): Wenn auf dem Dorf der letzte Laden dicht macht.
Dorfläden: Mit dem Kauf von Anteilen sichern engagierte Bürger in vielen kleinen Orten die Lebensmittelversorgung. Das schafft auch Arbeitsplätze, denn rein ehrenamtlich ist ein Dorfladen kaum zu führen. Inzwischen gibt es bundesweit 200 solcher Läden. Sie helfen den Einwohnerschwund zu stoppen,
in: TAZ Nord v. 25.04.

 
   
RHEINISCHE POST-Titelgeschichte: Boom-Städte am Rhein

HÜWEL, Detlev & Martin KESSLER (2015): Boom-Städte am Rhein.
Während Düsseldorf, Köln, Bonn und der Rhein-Kreis Neuss vom Zuzug der Menschen sowie einer hohen Geburtenrate profitieren, schrumpft die Bevölkerung in Remscheid, Duisburg und Krefeld,
in: Rheinische Post v. 25.04.

Bericht über die gestern veröffentliche Bevölkerungsvorausberechnung für die nordrhein-westfälischen Kreise und kreisfreien Städte bis 2040/2060.

Vergleicht man diese Vorausberechnung mit jener vom Juni 2012, dann differiert die Bevölkerungsentwicklung um fast 1 Millionen Menschen bis zum Jahr 2040. 2012 wurde angenommen, dass 2040 in Nordrhein-Westfalen nur noch 16,57 Millionen Menschen leben werden. Nach der aktuellen Vorausberechnung sind es dagegen 17,49 Millionen. Aussagen für 2060 zu machen ist moderne Kaffeesatzleserei.

Welchen Sinn haben Bevölkerungsvorausberechnungen, wenn sie innerhalb von nur 3 Jahren zu ganz anderen Ergebnissen kommen? Diesmal waren es die Wanderungsbewegungen, die unterschätzt wurden. Nächstes Mal vielleicht die Geburtenentwicklung oder die Lebenserwartung oder etwas was wir gar nicht im Blick hatten?

Die Veröffentlichung von Langfristprognosen sollte verboten werden und stattdessen kurzfristige Entwicklungskorridore aufgezeigt werden. Das könnte Denkverbote verhindern ebenso wie teure Fehlinvestitionen während dringend benötigte Investitionen unterbleiben, weil sie wegen absurd langen Vorausberechnungen als irrelevant abgetan werden.

Die modernen Märchenerzähler gaukeln uns vor, dass einzig Bevölkerungsentwicklungen langfristig voraussehbar sind. Mit jeder neuen Vorausberechnung zeigt sich jedoch, dass ihre Annahmen realitätsfern sind. Und vor allem gibt es keinen engen Zusammenhang zwischen Kopfzahl, Wirtschaftsentwicklung und Wohlstand einer Gesellschaft. Für den Soziologen Karl Otto HONDRICH sichert nicht die Stabilität von Bevölkerungen, sondern die Problemlösungskompetenz das Überleben einer Gesellschaft.

 
   

KURIANOWICZ, Tomasz (2015): Der Code der Liebe.
Kann man Liebe errechnen? In dem Roman «Die Wahlverwandtschaften» tüftelt Goethe am ersten Liebescode und beweist 200 Jahre vor der Erfindung des Online-Dating-Prinzips: Leidenschaft widersetzt sich der Mathematik,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 25.04.

 
   

ROEDIG, Andrea (2015): Der Bauch gehört ihr.
Eine fünfundsechzigjährige Frau, die dank Reproduktionsmedizin mit Vierlingen schwanger geht, gibt derzeit zu reden. Ist eine solch späte Erfüllung des Kinderwunsches «gegen die Natur»?,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 25.04.

Mit Michel FOUCAULTs Sorge um sich selbst als Naturäquivalent argumentiert Andrea ROEDIG gegen die späte Mutterschaft:

"Die späte Mutter sieht die Dinge gelassen, sie fühle sich «fit», sagt sie. Optimismus und Fahrlässigkeit fallen da in eins, denn einen Wunderleib kann auch Annegret Raunigk nicht haben. Zwar sind Körper verschieden und die medizinischen Möglichkeiten mächtig, aber die Zeit selbst, das Altern, lässt sich nun einmal nicht aufheben.
Um das zu verstehen, muss man sich nicht auf «Natur» berufen, man könnte auf den Begriff der «Sorge» zurückgreifen, den der späte Michel Foucault mit der Wendung «Sorge um sich» wieder hoffähig gemacht hat".

Michel FOUCAULT gilt Apologeten des aktivierenden Sozialstaats als Gewährsmann. Selbstsorge (Synonym für Eigenverantwortung) als Selbsttechnologie begründet das so genannte Selbstunternehmertum.   

 
   

GEISLER, Astrid (2015): "Es sind acht Babys unterwegs".
Grüne: Katrin Göring-Eckardt über den einmaligen Babyboom in ihrer Fraktion und die Angebote der Grünen an gestresste Eltern,
in: TAZ v. 23.04.

 
   

SCHMOLLACK, Simone (2015): Von wegen alt und grau.
Wandel: Agile Großeltern sind im Kommen. Sie sind aktiver, flexibler, gelassener und geistig jünger. Auch das Netz ist voll mit Ratschlägen für den lockeren Umgang mit den Enkeln. Zu Besuch bei einer Großmutter, die ganz und gar nicht wie eine solche wirkt,
in: TAZ v. 23.04.

 
   

FRITZ, Martin (2015): Pssssssssst!
Lärm: In Japans alternder Gesellschaft werden Kinder oft als Ärgernis wahrgenommen. Viele Kitas in Tokio verbarrikadieren sich regelrecht, damit sich ja kein Rentner über die Kleinen aufregt,
in: TAZ v. 23.04.

 
   

STRÖHLEIN, Markus (2015): Vier gewinnt nicht.
Zu alt? Zu selbstverliebt? Zu leichtsinnig? Der Fall einer 65jährigen, die mit Vierlingen schwanger ist, sorgt in Deutschland für heftige Diskussionen und offenbart seltsame Vorstellungen von Mütterlichkeit,
in: Jungle World Nr.17 v. 23.04.

 
   

KULLMANN, Katja (2015): Rein in die rauen Winde!
Debatte: Kann man heute mit der Literatur noch den Kapitalismus angreifen? Wenn man sich für gewisse Dinge nicht zu schade ist: Ja,
in: Freitag Nr.17 v. 23.04.

 
   

DESTATIS (2015): Lebenserwartung für Jungen knapp 78 Jahre, für Mädchen rund 83 Jahre,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 22.04.

Aufgrund des Zensus 2011 musste die Lebenserwartung nach unten korrigiert werden, sodass die Lebenserwartung im Vergleich zur letzten Sterbetafel bei Männern gleich und bei Frauen lediglich um einen Monat gestiegen ist.

 
   

AMOJO, Korede (2015): Allein sein, nein danke.
Hallo? Die Rentnerin Elke Schilling denkt groß: Mit ihrer Krisenhotline "Silbernetz" will sie alten Menschen aus der Einsamkeit helfen,
in: TAZ v. 20.04.

 
   

Späte Elternschaft - Ein Bibliografie

JIMÉNEZ, Fanny (2015): Späte Eltern, gute Eltern.
Die Zahl der Eltern, die Mitte 40 das erste Kind bekommen, steigt stetig. Ein Risiko für den Nachwuchs, sagt die Medizin. Ein Segen für die Kinder, sagen dagegen Psychologen,
in: Welt am Sonntag v. 19.04.

 
   
FR-Tagesthema: Mama!
Darf man Muttersein bereuen? Eine israelische Studie hat in Deutschland neuen Schwung in die Debatte um Rollenbilder und weibliches Selbstverständnis gebracht

AHNE, Petra (2015): Aus der Mutterrolle gefallen.
Studie heizt Debatte über Frauenbilder an,
in: Frankfurt Rundschau v. 17.04.

GEYER, Steven (2015): "Die Erwartungen an Frauen steigen - und so der Frust".
Die Leiterin des Müttergenesungswerkes über das Überdauern traditioneller Rollenbilder und die Belastung von Eltern,
in: Frankfurt Rundschau v. 17.04.

TKALEC, Maritta (2015): Ein Teil des Lebens.
Kommentar: Annegret R. könnte ein Vorbild sein für Frauen, gesellschaftliche Zwänge zu ignorieren,
in: Frankfurt Rundschau v. 17.04.

"Annegret R. hat laut Statistischem Bundesamt eine Lebenserwartung von noch 21 Jahren. Als meine Urgroßmutter, die slowenische Bäuerin Katharina Bobovec mit über 40 ihren Knecht Ivan Tkalec heiratete und mit ihm vier Kinder zeugte, lag ihre Lebenserwartung bei Geburt meines Großvaters statistisch bei Null. Klasse-Frau, die übrigens sehr alt wurde",

meint Maritta TKALEC (in der Berliner Zeitung hier), die sich der verschiedenen Vorurteile im Fall der Annegret R. annimmt und ihn nicht zum zukünftigen Normalfall, sondern zum Ausnahmefall stilisiert:

"Sicher ist: Es wird immer mehr späte und sehr späte Mütter geben; die schwangere Rentnerin aber wird keine Massenerscheinung werden."

Ungeklärt bleibt bei dieser Aussage, ob dies darauf zurückführbar sein wird, dass entweder aufgrund des zukünftig späteren Renteneinstiegsalter das Phänomen an Bedeutung verliert (Betonung auf RENTNERIN) oder ob sich die Aussage auf die Anzahl von Müttern bezieht, die jenseits der 65Jahre ein Kind gebären werden.

 
   

EISENBERGER, Korbinian (2015): Lauter kleine Weltmeister.
Im Sommer 2014 gewann Deutschland das Finale von Rio. Neun Monate später sind die Geburtsstationen überfüllt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 17.04.

Die SZ bastelt sich ihren eigenen WM-Baby-Boom anhand einer Reportage aus einer Münchner Frauenklinik zusammen. Fakten werden jedoch nicht präsentiert, sondern lediglich eine subjektive Meinung einer Krankenhausangestellten.

 
   

THEILE, Charlotte (2015): Ehe light.
Der Schweizer Bundesrat überlegt, Paare mit und ohne Trauschein quasi gleichzustellen. Ein Vorbild für Deutschland?
in: Süddeutsche Zeitung v. 17.04.

In Deutschland sind neue und alte Mitte in Sachen Ehe verfeindet, was sich z.B. im Kampf um das Ehegattensplitting zeigt. Dass es in Frankreich bereits seit 1999 normal ist als Unverheirateter einen "Pacte civil de solidaritè" (Pacs) abzuschließen, ist einer der Sachverhalte, die beim Starren auf die französische Geburtenrate, nicht in den Blick kommt.

Die Schweiz könnte dem französischen Modell folgen, während im Artikel lediglich die Grünen-Politikerin Franziska BRANTNER als Verfechterin einer "Ehe light" zitiert wird.  

 
   
zitty BERLIN-Titelgeschichte: Die Vereinbarkeitslüge.
Das Märchen von glücklichen Eltern mit super Karrieren. Und was wir jetzt ändern müssen

SCHATTENMANN, Ulrike & Astried HERBOLD (2015): Die Vereinbarkeitslüge.
Wir wollten alles anders machen, und jetzt stecken wir in der Falle. Job und Familie sind immer noch kaum zu vereinbaren. Was sich wirklich ändern muss,
in:
zitty Berlin Nr.9 v. 16.04.

 
   

SPIEWAK, Martin (2015): Dubioser Rekord.
Vierlinge mit 65 Jahren? Das geht nur unter Missachtung aller deutschen Regeln für die Kinderwunsch-Medizin,
in:
Die ZEIT Nr.16 v. 16.04.

"Die älteste Vierlingsmutter, das ist dein dubioser Weltrekord. Dass er ausgerechnet in Deutschland aufgestellt wird, ist nicht ohne Ironie. Denn nur wenige Länder regeln die Fortpflanzungsmedizin so streng wie die Bundesrepublik",

meint Martin SPIEWAK. Bislang geht es lediglich um eine Vierlingsschwangerschaft, von einer Vierlingsmutter kann also noch gar nicht gesprochen werden. Ob am Ende der Schwangerschaft auch Vierlinge lebend geboren werden, das dürfte aufgrund des Medienrummels unter genauer Beobachtung stehen.

Und ist es Ironie, dass dies ausgerechnet in Deutschland passiert oder nicht eher ein Beleg dafür, dass Medien, Politik und Wissenschaft längst das Vertrauen der Bevölkerung eingebüsst haben?

 
   

taz-Tagesthema: Verfassungstreit.
Was für eine merkwürdige Idee das ist: Eltern dafür zu belohnen, dass sie ihre Kinder nicht in die Kita schicken

RATH, Christian (2015): Betreuungsgeld auf der Kippe.
Recht: Debatte in Karlsruhe: War es "erforderlich", diese Leistung bundesweit einzuführen? Durfte der Bund das?
in:
TAZ v. 15.04.

RATH, Christian (2015): Bedreiungsgeld laft sau guad.
Praxis: Für die CSU war das Gesetz ein Erfolg. Bayern liegt bei den Bezieherzahlen vorn, die Ostländer liegen hinten. Aber die Statistiken sind ungenau,
in:
TAZ v. 15.04.

 
   

SZ-Tagesthema: Der Streit ums Betreuungsgeld.
Umstrittener war selten eine familienpolitische Leistung. Nun muss das Verfassungsgericht sich mit der Sache befassen. Dabei geht es nicht einmal so sehr um die Frage, ob die Erziehungsprämie das richtige Signal ist für Frauen und Familien. In erster Linie interessiert die Richter etwas ganz anderes: Darf der Bund die Leistung überhaupt zahlen?

JANISCH, Wolfgang (2015): Wenn Fragen die Antwort sind.
Nach den vielen kritischen Einlassungen der Karlsruher Richter zu urteilen, ist das Betreuungsgeld juristisch erledigt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.04.

HEIDENREICH, Ulrike (2015): Verfangen in der Frauenfalle.
In Skandinavien gibt es den Kinder-Bonus seit Jahren. Die Erfahrungen dort sind eher entmutigend,
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.04.

PRANTL, Heribert (2015): Ein Bundesgesetz wird weiß-blau.
Kommentar: Betreuungsgeld,
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.04.

 
   

Späte Elternschaft - Ein Bibliografie

BERNDT, Christina (2015): Kinder machen.
Medizin: Muss einer 65-Jährigen der Kinderwunsch erfüllt werden?
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.04.

Späte Mutterschaft wird hierzulande in den Medien verteufelt. Dazu werden Extrembeispiele wie die 65jährige Berlinerin missbraucht. Andererseits wird aber über die niedrige Geburtenrate gejammert. Beides hängt jedoch zusammen, denn nur in jenen westeuropäischen Ländern, in denen die späte Mutterschaft akzeptiert ist, wie z.B. in Frankreich oder Irland, wird auch eine höhere Geburtenrate erreicht.

Nicht die Kinderlosigkeit ist in Deutschland das Problem, sondern die Zwei-Kind-Norm und die Verteufelung der späten Mutterschaft. Warum sollten nicht Kinderlose, 1-, 2-, und Mehrkinderfamilien miteinander koexistieren können? Viel wird über Diversity als Vorteil geschrieben - nur die Familienform wird dabei ausgeklammert. Wie absurd ist das denn?

"Mütter sollten nicht überhöht, Kinderlose nicht bemitleidet werden",

fordert Christina BERNDT. Wie wahr! Nur was hat das alles mit falschem Anspruchsdenken ("Optimierungswahn") und Perfektionismus zu tun? Ist das nicht größtenteils nur ein Medienphantom bzw. das Problem eines Milieus, das fälschlicherweise mit der Mittelklasse verwechselt wird?

"Berufsfeldstudien belegen, dass die Strategie der Selbstoptimierung hauptsächlich in solchen Gruppen sichtbar wird, die Pierre Bourdieu als modernes Kleinbürgertum bezeichnete (...) und die in den letzten Jahren als »Kreative« oder »ökonomische Kulturvermittler« besondere Aufmerksamkeit erlangten", schreibt die Soziologin Cornelia KOPPETSCH in ihrem Buch Die Wiederkehr der Konformität.

Vielleicht wird man bereits in ein paar Jahren fragen, ob man damals nicht drängendere Probleme gehabt hat...

 
   

BECKER, Kim Björn & Jonas TAUBER (2015): Auswege aus der Pflegefalle.
Es gibt immer mehr pflegebedürftige Menschen in Deutschland. Weil die gesetzliche Absicherung nur selten die Kosten abdeckt, muss jeder Einzelne vorsorgen. Doch nur manche Produkte sind dafür geeignet,
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.04.

 
   

KREYE, Andrian (2015): Das Ende des Durchschnitts.
Clintons Wahlkampf findet ein neues Schlagwort, das den sozialen Wandel auf den Punkt bringt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.04.

Andrian KREYE behauptet, dass der Wahlkampfslogan von Hillary CLINTON vom "Everyday American", was mit dem merkwürdigen Begriff des "Alltagsamerikaners" übersetzt wird, den sozialen Wandel weg vom "Durchschnittsamerikaner" ("average American") auf den Punkt bringt. Dabei meint KREYE nicht etwa die Rückkehr der Klassengesellschaft bzw. die Polarisierung innerhalb der Mittelschicht, sondern das zunehmende Gewicht ethnischer Minderheiten. Für Europa prophezeit KREYE amerikanische Verhältnisse:

"Der Konsens des Mittelmaßes schützt die Bürger - zumindest der mittel- und nordeuropäischen Länder - noch vor den sozialen Härten der neuen Wirtschaft."

Wahr ist, dass sich das amerikanische Bevölkerungswachstum nicht der weißen Mittelschicht verdankt, sondern den Migranten. So etwas wird mit Blick auf die als zu niedrig empfundene Geburtenrate westdeutscher Akademikerinnen hierzulande - auch in der SZ - gerne verschwiegen.

 
   

RAU, Roland (2015): Keine Schule – keine Einwohner?
Studie prüft Zusammenhang zwischen Schulschließungen und Abwanderung in Gemeinden,
in:
Demografische Forschung aus erster Hand, Nr.1

Der Blick auf den demografischen Wandel ist geprägt vom geschichtskonservativen Denken in Abwärtsspiralen, das empirischen Studien meist nicht standhält. In seiner Studie hat der Demograf Bilal BARAKAT den Zusammenhang zwischen Schulschließungen und Abwanderung am Beispiel von Sachsen überprüft und nur einen geringen Zusammenhang gefunden. BARAKAT sieht verschiedene Gründe wirken, die einem Wegzug ("Exitoption") entgegenwirken:

"Für viele Menschen, so der Demograf, sei eine Schule vor Ort nicht unbedingt entscheidend, und das lokale Wanderungssaldo sei generell nicht von Familienwanderung dominiert. So ist die Schülerbeförderung in Sachsen relativ gut: Fast alle Schulen – auch in ländlicheren Gegenden – sind innerhalb von 20 Autominuten zu erreichen. Die Grundschulzeit umfasst zudem nur vier Jahre, nach denen die Kinder vermutlich ohnehin zu einer weiterführenden Schule pendeln müssten. Auch sind viele Bewohner in ländlichen Gegenden Hauseigentümer, die nicht ohne weiteres ihr Haus verkaufen können. Insofern, so der Demograf, gebe es genügend andere Kriterien, die darüber entscheiden, ob eine Gemeinde, auch ohne Grundschule für ihre Bewohner und für potentielle Zuzügler attraktiv bleibe."

 
   

Späte Elternschaft - Ein Bibliografie

HABICH, Irene (2015): RTL-"Extra" über Vierfachschwangerschaft: "Meine Güte, mit 65!"
Weil sie unbedingt noch einmal Mutter werden wollte, ließ sich eine Berlinerin mit 65 Jahren künstlich befruchten. Nun trägt sie Vierlinge aus. Die RTL-Sendung "Extra" klärte nicht genug über die Risiken auf, sondern bediente bloßen Voyeurismus,
in:
Spiegel Online v. 14.04.

HALSER, Marlene (2015): Schnauze, Kaninchen!
Was sagt uns das? Eine 65-jährige Berlinerin ist mit Vierlingen schwanger. Danke, Annegret,
in:
TAZ v. 14.04.

 
   

RATH, Christian (2015): Spagat bei der Herdprämie.
Verfassungsgericht: Die SPD ist gegen das Betreuungsgeld, doch SPD-Mann Ralf Kleindiek muss am Dienstag in Karlsruhe begründen, warum es verfassungskonform ist,
in:
TAZ v. 13.04.

RATH, Christian (2015): Dumme Gesetze sind nicht verfassungswidrig.
Kommentar: Über den Rechtsstreit zum Betreuungsgeld,
in:
TAZ v. 13.04.

 
   
WELT AM SONNTAG-Titelgeschichte: Verraten, verkauft, Vater.
Immer mehr Männer teilen die Kinderbetreuung mit ihrer Ex. Trotzdem müssen die Väter vollen Unterhalt zahlen. Das wollen viele nicht mehr hinnehmen

MENKENS, Sabine (2015): Aufstand der Entrechteten.
Mama betreut, Papa blecht? Immer mehr Trennungsväter wollen sich damit nicht mehr abfinden. Sie möchten mehr sein als nur Zahlmeister – und pochen auf eine Neuordnung des Unterhaltsrechts,
in:
Welt am Sonntag v. 12.04.

 
   
BILD AM SONNTAG-Titelgeschichte: Deutsche Lehrerin. Ich bin 65 und erwarte Vierlinge

APEL, Dorothee & Kerstin QUASSOWSKY (2015): Berliner Lehrerin "Ich bekomme Vierlinge mit 65",
in:
Bild am Sonntag v. 12.04.

 
   

WIESING, Urban (2015): Die Moderne schlägt zu.
Social Freezing: Firmen bieten Mitarbeiterinnen an, ihre Eizellen für später einzufrieren - so vermischen sie Privates mit Beruflichem,
in:
TAZ v. 11.04.

Urban WIESING beschreibt das Einfrieren von Eizellen als "Angebot zur authentischen Selbstgestaltung der eigenen Biografie unter harten ökonomischen Vorgaben". Dies wird möglich, weil "gutes" und "böses" Eizelleinfrieren bereits vorab begrifflich getrennt wurde. Die Trennung erfolgt entlang eines engen "biologischen" Krankheitsbegriffs und ist damit historischen Bedingungen unterworfen. Sie hängt ab z.B. von der Bekanntheit und Behandelbarkeit einer Krankheit. Ist z.B. Kinderlosigkeit bzw. Unfruchtbarkeit eine Krankheit? Und geht der Druck nur vom Beruf aus oder nicht auch von der Demografiepolitik, den Forschungsinteressen und den Medien? Vielleicht wäre es sinnvoll die Debatte auszuweiten, statt sie - wie derzeit in Deutschland - einzuengen.

 
   

ROLL, Evelyn (2015): Daheim statt Heim.
In Deutschland werden bald so viele Rentner leben wie nie zuvor. Die wenigsten wollen in ein Verwahrheim. Müssen sie auch nicht. Baugesellschaften, Pflegeanbieter, Städte und die künftigen Senioren selbst erproben gerade neue Wohnformen für das Alter. Fünf Beispiele zum Nachmachen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.04.

"95 Prozent der fast 17 Millionen Über-65-Jährigen bleiben in ihren bisherigen Wohnungen und Häusern. So machen es auch 89 Prozent der vier Millionen Menschen, die 80 Jahre und älter sind. Tendenz steigend. Auch zwei Drittel der knapp 2,5 Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Der ambulante Pflegedienst ist eine der großen Wachstumsbranchen des Landes mit glänzenden Aussichten bis ins Jahr 2050, in dem mit 4,5 Millionen Pflegebedürftigen der Höchststand erwartet wird, den das Land je erlebt haben wird",

beschreibt Evelyn ROLL den Trend mittels Daten des Statistischen Bundesamtes ohne jedoch das Erhebungsdatum und die zugrunde liegende Bevölkerungsvorausberechnung und deren Annahmen zu nennen. Über die Länge der gesunden Lebenszeit im Alter zitiert ROLL das Ärzteblatt - ebenfalls ohne Datum:

"Obwohl wir viel länger leben, wird diese schwere End-Zeit vor dem Tod zwar nicht kürzer, aber eben auch nicht länger",

übersetzt ROLL die Fachterminologie in Alltagssprache. Davon abweichende Sichtweisen bleiben unerwähnt. Die hysterische Prognostik zur Entwicklung der Pflegebedürftigkeit wird einseitig als positiv dargestellt:

"Prognosen verändern (...) das Prognostizierte. Wir haben zu wenig, zu schlecht bezahlte Pfleger? Also werden wir mehr und besser bezahlte bekommen!"

Auch dass die Babyboomer massenhaft ins Alter kommen, sieht ROLL nicht als Negativszenario im Sinne von "Gerontokratie" oder "Rentnerdemokratie", sondern als Vorteil:

"Wer keine vernünftige Alten- und Pflegepolitik macht, wer sich nicht um altersgerechten Um- und Neubau von Wohnungen kümmert, um bezahlbare, ambulante Pflege, um Palliativmedizin zu Hause, um die Legalisierung von Pflegeimmigranten, wird abgewählt werden."

Eine solch zuversichtliche Position ist genauso naiv wie ihr Gegenteil, denn die Alten der Babyboomer-Generation sind keine homogene Gruppe, die sich durch eine gemeinsame Interessenlage auszeichnen, sondern die soziale Ungleichheit nimmt im Alter zu. Während die Alten der Oberschicht und oberen Mittelschicht länger und vor allem länger gesund leben, hat die Unterschicht eine geringere Lebenserwartung und ist eher krank und länger pflegebedürftig. ROLL setzt deswegen nicht allein auf das Stimmrecht, sondern auf die Kaufkraft.

ROLL beschreibt dann das Elitenkonzept des aktivierenden Sozialstaats mit seiner Propagierung des produktiven Alters:

"Es wird einen Paradigmenwechsel von der traditionellen Altenhilfepolitik zu einem seniorenpolitischen Gesamtkonzept geben, das sowohl die Potenziale und Ressourcen, als auch den tatsächlichen Hilfe- und Unterstützungsbedarf von Senioren, die in ihrer Mehrheit zu Hause wohnen bleiben, berücksichtigen."

ROLL sieht die Angehörigen der Generation X und Y als Nutznießer der geburtenstarken Babyboomer. Dumm nur, dass Generation X und Babyboomer in Deutschland mehr oder weniger dieselbe Generation bezeichnen.

ECKARDT, Ann-Kathrin (2015): Die Alten halten.
In Frankfurt richtet eine Wohnungsgesellschaft betagten Mietern ein zweites Wohnzimmer ein,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.04.

ECKARDT, Ann-Kathrin (2015): Besser beraten.
In Mannheim zeigt ein Verein, dass häusliche Pflege mehr sein kann als reine Versorgung,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.04.

HARDENBERG, Nina von (2015): Mithelfen trotz Demenz.
In Potsdam haben Angehörige ein große Wohnung für ihre Eltern gemietet,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.04.

ECKARDT, Ann-Kathrin (2015): Wie eine zweite Familie.
In Aschaffenburg leben  42 Menschen unter einem Dach,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.04.

UHLMANN, Berit (2015): Eine Stadt pflegt sich selbst.
In Riedlingen helfen Freiwillige den Betagten und bekommen dafür später Hilfe zurück,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.04.

SCHOEPP, Sebastian (2015): Hiergeblieben.
Unser Autor kümmert sich um seine Eltern, statt Karriere zu machen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.04.

 
       
 

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Zu den News vom 01. - 10. April 2015
 

   
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Bernd Kittlaus
[email protected] Stand: 14. Mai 2016