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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
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News vom 11. - 20. Februar 2003

 
       
     
     
     
   
Zitat des Monats:
"Am 13. November 1992 erblickte ein schmales Taschenbüchlein von gerade einmal 106 Seiten das Licht der Buchläden. Es hieß Weil das Land sich ändern muss, und trotz seines geringen Umfangs vereinte es unter seinen Autoren die Creme der politischen Klasse Deutschlands: Marion Gräfin Dönhoff, Meinhard Miegel, Wilhelm Nölling, Edzard Reuter, Helmut Schmidt, Richard Schröder und Wolfgang Thierse malten die Zukunft der Republik in düstersten Farben. (...). Heute, gut zehn Jahre später, zeigt sich (...), dass der mit Abstand richtigste Satz des ganzen Pamphlets (...) war: »Allenthalben hat die Qualität der politischen Klasse nachgelassen.«
Besonders deutlich wird das im Kapitel »Damit die Deutschen nicht aussterben«. Damit der geneigte Leser bereits an der Pforte alle Hoffnung fahren lasse, beginnt es mit einem Horrorgemälde: Bis Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts werde die Bevölkerung Deutschlands um rund eine Million Menschen abnehmen (...).
Starke Worte, nicht wahr? Nur mit einem kräftigen Haken: Keines davon ist wahr. Jetzt, zehn Jahre später, können wir die ersten Horror-Zahlen an der tatsächlichen Bevölkerungsentwicklung messen. Und die Zahlen, die das Statistische Bundesamt für die Bevölkerungsentwicklung in den 90er Jahren veröffentlicht, haben nicht das Geringste mit der damaligen Schmidt-Dönhoff-Miegel-Prognose zu tun: Die Bevölkerung Deutschlands hat sich im Laufe jenes Jahrzehnts nicht etwa um eine Million Menschen verringert, sie hat um mehr als drei Millionen Menschen zugenommen!"

(aus: Detlef Gürtler "Vorbild Deutschland", Februar 2003, S.43f.)
 
       
   
  • KÜHNE, Hartmut & Robin MISHRA (2003): Endlich Vorrang für die Kinder.
    Wie kommt Rot-Grün aus der Krise? Ministerin Renate Schmidt fordert mehr "Gesamtkonzepte". Die SPD-Politikerin hofft auf mehr Nachwuchs und fürchtet, dass bald unsere Bildungselite ausstirbt. Gerade Akademikerinnen bleiben häufig kinderlos,
    in: Rheinischer Merkur Nr.8 v. 20.02.
    • Kommentar:
      "Von den bis zu 39 Jahre alten Akademikerinnen bleiben 41 Prozent kinderlos", behauptet Renate SCHMIDT. Offenbar ist sie Hellseherin!

            
       Nachprüfen lässt sich das frühestens in 15 oder 20 Jahren. Eine nachprüfbare Aussage müsste dagegen lauten: Von den bis zu 39 Jahre alten Akademikerinnen sind gegenwärtig noch 41 Prozent kinderlos. Das klingt jedoch weniger dramatisch und zweitens ist der Begriff Kinderloser derart unscharf, dass auch diese Aussage mehr als schwammig ist.
 
   
  • FISCHER, Heimo (2003): Beamte wollen kämpfen.
    Premierminister Jean-Pierre Raffarin muss gegen den Widerstand aller Beteiligter das marode Rentensystem reformieren,
    in: Rheinischer Merkur Nr.8 v. 20.02.
    • Kommentar:
      Wenn man FISCHER glauben darf, dann soll das kinderfreundliche Frankreich teilweise noch größere Probleme mit dem Rentensystem haben als Deutschland.
 
   
  • PFEIFER, Norbert 82003): "Noch setzen die Betriebe auf Olympia-Teams".
    Gespräch mit dem Bremer Politologen Nullmeier über die Arbeit in der Rürup-Kommission,
    in: Weser Kurier v. 20.02.
 
   
  • HEUSSER, Simon (2003): Dem alten Kontinent fehlen die Jungen,
    in: Weltwoche Nr.8 v. 20.02.
    • Kommentar:
      Seit der ECONOMIST seine Titelgeschichte über den demografischen Niedergang von Europa veröffentlicht hat, darf nun jedes Blatt seine Story zum Thema präsentieren.

            
       Heute ist die schweizerische Wochenzeitung dran. Erstaunlich ist eigentlich nur, welche Länder die niedrigste Geburtenrate in Europa haben sollen. Möglicherweise liegen die Unterschiede des Rankings ja darin begründet, dass niemand so recht weiß, ob nun das alte, das neue, das EU-Europa usw. gemeint ist, wenn es um das demografische Schlusslicht in Europa geht. Bei der SonntagsZeitung ist jedenfalls die Schweiz vom Aussterben bedroht.
 
   
  • SCHECK, Denis (2003): "Sie reden mit einem Dinosaurier".
    Der grosse amerikanische Schriftsteller Philip Roth über das Innenleben seiner Romanfiguren, die grosse Freiheit in den Vereinigten Staaten, die totale Unterhaltung und über das baldige Ende der Literatur,
    in: Weltwoche Nr.8 v. 20.02.
    • Kommentar:
      Warum Philip ROTH von allen (Neue Mitte-Menschen) geliebt wird:
      "David Kepesh, die Hauptfigur in Ihrem neuen Buch «Das sterbende Tier», macht die sexuelle Revolution zu seiner persönlichen Revolution. Er lebt seine «Emanzipation als Mann». Was steckt hinter diesem Begriff?
      Ein Leben ausserhalb des Systems von Haus, Frau und Kind, ausserhalb fester Bindungen und Liebesbeziehungen. Kepesh ist ein hochintelligenter und gebildeter Mann, der ausschliesslich für sein Vergnügen lebt. Er sucht eine rationale Rechtfertigung für seine Vergnügungssucht."
 
   
  • KNA (2003): Alterspyramide.
    Frauen entscheiden sich gegen Kinder,
    in: Frankfurter Rundschau v. 20.02.
    • Kommentar:
      Die Frankfurter Rundschau meldet veraltete Zahlen zur Geburtenrate des Jahrgangs 1965.

            
       Bereits im Jahr 2001 hat der Bevölkerungswissenschaftler Jürgen DORBRITZ den Kinderlosenanteil dieses Jahrgangs auf 27 % geschätzt. Aufgrund des höheren Erstgebäralters wird sich dieser Kinderlosenanteil jedoch weiter verringern.
 
   
  • MROZEK, Bodo (2003): Frische Wäsche.
    Jakob Hein lernt in seinem neuen Roman von den USA,
    in: Tagesspiegel v. 19.02.
    • Jakob Hein - Formen menschlichen Zusammenlebens
 
   
  • SIEMONS, Mark (2003): Kann denn Kunst Entfremdung sein?
    Jenseits der Ironie: Wie der Club der polnischen Versager lernte, der Berliner Subkultur zu trotzen,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.02.
    • Kommentar:
      SIEMONS berichtet über den "Club der polnischen Versager" und den "Terror der Vollkommenheit", mit dem die Erfolgsmenschen der Marktgesellschaft unsere Gesellschaft verändern.

            
       Dazu gehören auch die neuen Helden, die Amelie von HEYDEBRECK in der FAS vorgestellt hat.
            
       Dem "Club der polnischen Versager" geht es dagegen um einen anderen Begriff des Versagens, der in Polen Tradition hat.
            
       In der Berliner Zeitung vom  04.01.2003 haben Leszek OSWIECIMSKI und Adam GUSOWSKI über diesen "Nieudacznik" (polnischer Begriff für Versager), dem man eigentlich helfen sollte, gesprochen:
            
       "Es gibt Platz für viele Menschentypen, aber die Welt, wie sie jetzt aufgebaut ist, gibt nur einer bestimmten Sorte Mensch die Möglichkeit, sich zu realisieren. Die anderen sind nicht generell Versager, sondern nur in einer bestimmten Welt, in einer bestimmten Zeit".
 
   
  • SOHN, Manfred (2003): Immer tiefer ins demographische Loch.
    Die Nation schrumpft: Gibt es einen Zusammenhang von Kapitalismus und Geburtenrate? Zur Ökonomie untergehender Gesellschaften. Teil II und Schluß,
    in: Junge Welt v. 18.02.
    • Kommentar:
      Manfred SOHN interpretiert auch im zweiten Teil (erster Teil 17.02.) den demografischen Wandel aus marxistischer Perspektive.

            
       Seine Untergangsvision gründet er auf der keineswegs sicheren Prognose von Herwig BIRG.
            
       Sozialismus oder Barbarei sind die Alternativen, die SOHN propagiert. Das Eltern-Paradies stellt sich SOHN folgendermaßen vor:
            
       "Es wird ein »Lebensphasenmodell« geben, in dem jede und jeder, die und der es möchte, in der Zeit, in der Menschen Kinder bekommen können, bei voller Gewährleistung eines würdigen und voll in die Gesellschaft integrierten Lebens gänzlich von jeder Arbeitspflicht freigestellt werden".
            
       Die Vorform dieses Paradieses bestand in der DDR:
            
       "Daß so etwas geht, hat in Ansätzen die Vorform dieser künftigen Gesellschaft schon bewiesen. Als in Westdeutschland der Anteil der zeitlebens kinderlos bleibenden Frauen, der für den Jahrgang 1940 bei 10,6 Prozent gelegen hatte, bis zum Jahrgang 1955 auf 21,9 Prozent gestiegen war, war er in der DDR für den gleichen Geburtsjahrgang auf sieben Prozent gesunken. Das waren die Geburtsjahrgänge, die voll in den Genuß der verschiedenen Maßnahmen der DDR-Familienpolitik gekommen waren – bevor auch sie bei den Versuchen, in der Produktion auf Westniveau zu kommen, nach und nach abgebaut wurden und sich folglich die Zahl der kinderlos gebliebenen Frauen mit einer gewissen Verzögerung ebenfalls an das Westniveau annäherte".
            
       Wie Wolfgang ENGLER sieht er die Ostdeutschen also als Avantgarde.
            
       Das Problem von SOHNs Argumentation ist jedoch, dass die USA zeigen, dass auch innerhalb des Kapitalismus eine bestandserhaltende Geburtenrate möglich ist. Ob die reaktionär-religiöse Variante des Kapitalismus - wie SOHN es darstellt - die einzig erfolgsversprechende Kapitalismusform ist, die das zustande bringt, das ist nicht sicher.
 
   
  • BACHMANN, Klaus (2003): Ich heirate mich selbst.
    Eine Niederländerin hat endlich die Single-Ehe durchgesetzt,
    in: Frankfurter Rundschau v. 18.02.
    • Kommentar:
      "Sie sei jahrelang mit sich uneins gewesen, ihr »sachliches Ich« habe mit ihrem »emotionalen Ich« gerungen. Sollte sie Wirtschaftswissenschaften studieren oder auf die Kunstakademie gehen? Als der Konflikt ausgetragen war und sich Jennifer mit sich selbst versöhnt hatte, beschloss sie, mit sich vor den Altar zu treten", berichtet BACHMANN aus den Niederlanden über eine "Single-Ehe".

            
       Die sog. Multioptions-Gesellschaft (GROSS), deren Charakteristikum - oberflächlich gesehen - die Wahlfreiheit ist, erhöht gleichzeitig die Sehnsucht nach einer Ritualisierung des Alltags.
            
       Kannten frühere Gesellschaften noch rites de passage, d.h. Übergangsriten vom Jugend- ins Erwachsenenalter, so ist die Moderne durch die Abwesenheit solcher Riten gekennzeichnet.
            
       Die Eheschließung galt Mitte der 60er Jahren noch als Eintritt ins Erwachsenalter. Den Singles fehlt jedoch ein solches Ritual.
            
       Die "Single-Ehe" kann als eine Form der öffentlichen Selbstverplichtung angesehen werden, die einer weitreichenden Lebensentscheidung die nötige Bedeutung verleihen soll.
            
       Es ist eben nicht so, wie das Individualisierungspositivsten behaupten, dass alle Entscheidungen reversibel sind. Diesem Ideal widerspricht die Realität, dass Entscheidungen wie das Kinderkriegen durchaus den Charakter von Weichenstellungen für das weitere Leben haben.   
 
   
  • OPIELKA, Michael (2003): Achillesferse des rot-grünen Reformprojekts.
    In großer Bescheidenheit und ohne Not überlassen die Grünen der SPD die Definitionsmacht über die Zukunft des Sozialstaats,
    in: Frankfurter Rundschau v. 18.02.
    • Kommentar:
      Der Sozialwissenschaftler OPIELKA bezeichnet den subsidiären Pluralismus als das Gebot der Stunde. Dies ist quasi die sozialdemokratische Variante der katholischen Soziallehre, die OPIELKA den Grünen nahebringen möchte.
            
       Die Schweiz gilt ihm - wie auch Jürgen BORCHERT - sozialversicherungsmäßig als Vorbild.
            
       Ansonsten bietet OPIELKA nicht viel Neues. Interessant ist höchstens eine Typologie, in der die Subjekte eines zukünftigen Sozialstaats speziellen Sozialpolitiken zugeordnet werden:
            
       "Eine politische Beurteilung lässt sich nur über die hinter den Diskussionen liegenden Normalitätsannahmen gewinnen: meint man vor allem, wie die liberale Sozialpolitik, den Selbständigen, gilt, wie für die konservative Politik, vor allem der Bedürftige als Bezugspunkt, hält man den Arbeitnehmer, wie die sozialdemokratische Sozialpolitik, als Normalitätsmaßstab hoch, oder soll künftig, wie dies die Grünen vielleicht meinen, der politische Bürger als künftiges Subjekt des Sozialstaats gelten? Claus Offe hat dieses vierte, neue Leitbild der Sozialpolitik als »Garantismus« bezeichnet , hier könnte der grüne und zugleich verallgemeinerbare Gedanke zu finden sein: Er geht davon aus, dass im Lebenszyklus der Mehrheit alle drei bisher politisch privilegierten Rollen - selbständig, bedürftig, Arbeitnehmer - potentiell vorkommen und, ergänzt um die systematisch bislang unterbeachtete Familienrolle, ihre Integration in der Bürgerrolle finden müssen".
 
   
  • HASSE, Edgar S. (2003): Kinder, Karriere und die Harmonie der Generationen.
    Ernst Albrechts Tochter Ursula von der Leyen soll in Niedersachsen Ministerin für Familie, Soziales und Gesundheit werden,
    in: Welt v. 18.02.
    • Kommentar:
      Die Welt stellt ihre Favoritin für das Amt der Familienministerin in Niedersachsen vor. Als Mutter von 7 Kindern verkörpert sie das identitätspolitische Ideal der aristokratischen Großfamilie und stellt als Tochter von Ernst ALBRECHT gleichzeitig die größtmögliche Provokation für Alt-Linke dar.
 
   
  • SCHEIDER, Rolf (2003): Die Hageströms haben gesiegt.
    Deutschland hat weder Bourgeoisie noch Proletariat, dafür ein omnipräsentes Kleinbürgertum,
    in: Welt v. 18.02.
    • Kommentar:
      SCHNEIDER jammert über die kulturelle Definitionsmacht der sozialen Aufsteiger mit Kleinbürgermentalität.
 
   
  • DRIBBUSCH, Barbara (2003): Ein bisschen Sehnsucht nach Bullerbü.
    Susanne Mayer will eine neue Wertedebatte führen, in der die Kinderfreundlichkeit einer Gesellschaft zum höchsten politischen Maßstab erkoren wird. Denn: Eine kindergerechte Gesellschaft wäre selbst für Kinderlose besser,
    in: TAZ v. 18.02.
    • Kommentar:
      Da es zwischen Rechts und Links in der Familienpolitik kaum noch wahrnehmbare Unterschiede gibt, fällt es DRIBBUSCH sichtbar schwer das Buch von Susanne MAYER auch Nicht-Eltern schmackhaft zu machen.

            
       Mit Wendungen wie "Mayer (...) setzt sich (...) bewusst der Gefahr aus, dem wertkonservativen Lager zugerechnet zu werden", sollen familienfundamentalistische Forderungen wie das antidemokratische "Familienwahlrecht" diskussionsfähig gemacht werden.
            
       Danach noch einen "ideologischen Brückenschlag zwischen Eltern und Nicht-Eltern" vorzuschlagen, kann keinen Single - weder in der Vor-Eltern- noch in der Nach-Eltern-Phase - ernsthaft überzeugen.
 
   
  • GÄCHTER, Sven (2003): Immer wieder Lieder.
    Kultautor Nick Hornby legt ein neues Buch vor: "31 Songs", betont subjektive Kurzessays über große Momente der Popmusik. Profil präsentiert zwei Texte im Vorabdruck,
    in: Profil Nr.8 v. 17.02.
    • Nick Hornby - 31 Songs
 
   
  • WOLFSGRUBER, Axel (2003): "Die Systeme kollabieren".
    Schonungslos rechnet der Naturwissenschaftler Hermann Adrian vor, wie eine sinkende Geburtenrate den Wohlstand aller Deutschen ruiniert,
    in: Focus Nr.8 v. 17.02.
    • Kommentar:
      Die nächste Rentenreform wirft ihre Schatten voraus. Der Focus macht schon mal Stimmung gegen Kinderlose.

            
       "»Unter der Decke sind wir ein sterbendes Volk.« Nicht nur der Hamburger Hobby-Anthropologe Jürgen Rieger, nach eigenem Bekunden »national gesinnt«, hat solche Erkenntnisse für das nächste Jahrtausend extrapoliert: Danach müßte der »Volksbestand« der Republik in etwa 30 Jahren auf 37 Millionen geschrumpft und in 300 Jahren ganz und gar verschwunden sein",
            
       konnte man bereits im SPIEGEL Nr.13 aus dem Jahr 1975 lesen. In 2 Jahren müssten wir in Westdeutschland also auf 37 Millionen geschrumpft sein. Im Jahr 2000 lebten jedoch  fast 67 Millionen Menschen in Westdeutschland. Davon keine 7 Millionen Ausländer, d.h. der vom SPIEGEL zitierte Hobby-Anthropologe hat sich ziemlich verschätzt.
            
       Wenn uns jetzt also die Untergangspropheten wieder einmal erzählen wollen, was so alles in 30 Jahren passiert, dann sollte man zuerst einmal die Prognosen unserer Bevölkerungswissenschaftler aus dem Jahr 1963 oder 1966 heranziehen. Keiner hat damals den Wechsel des Geburtenverhaltens prognostiziert. Welche Geburtenrate für die Generation Golf gilt, das kann heutzutage noch kein Bevölkerungswissenschaftler sagen.
            
       Hermann ADRIAN argumentiert, daß heute schon:
      "8,5 Millionen junge Menschen (fehlen) und damit Konsumbedarf. Familien stärken die Binnenwirtschaft. Seit 1975 wurden jährlich 300 000 Kinder zu wenig geboren. 20 Jahre später bedeutet das jährlich 250 000 Autokäufer weniger oder 25 Jahre später 200 000 Wohnungen weniger".
            
       Da stellt sich zum einen die Frage, wo die Arbeitsplätze hätten herkommen sollen. Mitte der 70er Jahre kam das Schlagwort von der Jugendarbeitslosigkeit auf. Also eine Situation, die heutzutage sehr vertraut klingt.
            
       Zum anderen ist die Bevölkerung Deutschlands bisher nicht geschrumpft, sondern sie ist gewachsen.
            
       1963 legte der Bevölkerungswissenschaftler Karl SCHWARZ eine Vorausschätzung für das Jahr 2000 vor. Er prognostizierte 65 Millionen Menschen bei einer bestandserhaltenden Geburtenrate, die dem damaligen Baby-Boom entsprach. Die Zahlen gelten für Westdeutschland ohne Berlin, entsprechen also exakt den heutigen Verhältnissen, nur dass die Zuwanderung die fehlenden Geburten vollständig ersetzt hat.
            
       Eine gegenwärtige Konsumkrise aufgrund der Kinderlosigkeit in Deutschland ist also eine Mär.
            
       Die Geburtenrate liegt angeblich in Deutschland bei 1,4 Kinder pro Frau. Dieser Querschnitts-Indikator kann jedoch in Zeitenwenden extrem in die Irre führen.
            
       Was heutzutage im Zeichen des demografischen Wandels vergessen ist, das wusste Gerd-Rüdiger RÜCKERT in den 70er Jahren noch:
            
       "Die künftige Fruchtbarkeitsentwicklung ist das bei Bevölkerungsprognosen am schwierigste zu schätzende Element"
            
       schrieb er in der Dokumentation von der Jahrestagung 1977 der Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft e.V.. RÜCKERT zitiert dort JÜRGENS (1975):
            
       "Die 1966 auf der Basis des damaligen generativen Verhaltens der Bevölkerung errechnete Prognose für die Entwicklung der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland bis zum Jahre 2000 ergab, daß die Bevölkerung noch um 14 Mill. Personen wachsen werde. Sechs Jahre später, 1972, kam die nach den gleichen Prinzipien, aber auf inzwischen veränderten Basis errechnete Prognose zu dem Ergebnis, daß die Bevölkerung nicht wachsen, sondern vielmehr um 5 Mill. Einwohner abnehmen werde."
            
       Wenn also bei renommierten Bevölkerungswissenschaftlern die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung für einen Zeitraum von 30 Jahren innerhalb von nur 6 Jahren um 19 Millionen Menschen schwanken kann, dann sollte man bei den markigen Worten unserer Bevölkerungsexperten erst einmal skeptisch sein.           
 
   
  • SOHN, Manfred (2003): Auf absterbendem Ast.
    Die Nation schrumpft. Gibt es einen Zusammenhang von Kapitalismus und Geburtenrate? Zur Ökonomie untergehender Gesellschaften (Teil 1)
    in: Junge Welt v. 17.02.
    • Kommentar:
      Die ZEIT hat gerade ihre 7teilige Serie "Land ohne Leute" abgeschlossen. Die Junge Welt beginnt deshalb ebenfalls mit einer Serie zum Thema. Manfred SOHN hat seine Sicht der Dinge bereits am 08., 09. und 11.06.2001 in dieser Zeitung dargelegt. Man kann also vergleichen, ob er Neues zu sagen hat.
 
   
  • MOFFETT, Sebastian (2003): Aufstand der Renten-Rebellen.
    Japans Bevölkerung altert schneller als in anderen Industrieländern - die Jungen wollen die Lasten nicht mehr tragen,
    in: Tagesspiegel v. 17.02.
    • Kommentar:
      MOFFETT macht einen Umweg über Japan, um den deutschen Lesern die Notwendigkeit der Heraufsetzung des Rentenalters einsichtig zu machen.
 
   
  • BÖHME, Christian/MONATH, Hans/SIRLESCHTOV, Antje (2003): Wie will Rot-Grün das noch schaffen, Frau Göring-Eckardt?
    Die Grünen-Fraktionschefin über Reformen, Rentner - und die Amerikaner,
    in: Tagesspiegel v. 16.02.
    • Inhalt:
      Die Kinderpolitikerin GÖRING-ECKARDT verkündet die aktuelle Leitlinie der Grünenfraktion zur Rentenreform:

            
       "Aufgrund der dramatischen demographischen Veränderungen reicht das bisherige Rentensystem nicht mehr, um ein sorgenfreies Leben im Alter zu sichern. Wir brauchen einen höheren Anteil Privatvorsorge und das Einsehen der jetzigen Rentner, dass dieser Prozess an ihnen nicht spurlos vorbeigehen wird. Wir müssen den Rentenbeitrag kurzfristig wieder senken. Der Beitrag zur Rentenversicherung muss bis zum Ende der Legislaturperiode unter 19 Prozent sinken. Das ist das Ziel. Und er muss in den nächsten 30 Jahren deutlich unter 20 Prozent bleiben".
 
   
  • GRAEF, Nicola (2003): "Ein Seitensprung? Ist doch amüsant!"
    Ihre Analysen zum Thema Frauen und Männer haben die Deutschen verändert. Jetzt redet Margarete Mitscherlich über ihre eigene Ehe - und das schwierige Verhältnis zu ihrem Sohn,
    in: Tagesspiegel v. 16.02.
 
   
  • BORTOLANI, Martina (2003): Kleine sind das Grösste!
    Gute Gründe für Nachwuchs gibts derzeit mehr als genug. Martina Bortolani über die neue Lust auf Mutterfreuden,
    in: SonntagsZeitung v. 16.02.
    • Kommentar:
      Auch in der deutschsprachigen Schweiz geht die Angst vor dem Aussterben um. Frauen, die mit dem Rauchen aufhören, gelten hoffnungsvoll als schwanger. BORTOLANI hofft zudem, dass schwangere Prominente den Mitläufer-Typus zum Kinderkriegen animieren, damit 2003 das Jahr der Windeln werden kann. 
 
   
  • VOWINKEL, Heike (2003): Jung, dynamisch, Hausfrau.
    Die Schauspielerin Marie-Theres Relin, Tochter von Maria Schell und Frau von Franz Xaver Kroetz, fordert eine Revolution der Mütter,
    in: Welt am Sonntag v. 16.02.
    • Kommentar:
      Wenn die isolierte Hausfrau privilegiert ist, dann wird sie schon mal zur konservativen Revolutionärin:

            
       "Ihr Mann, der Kroetz, war viel unterwegs, hatte gedreht, inszeniert, sie aber mit den Kindern zu Hause gesessen - »allein erziehende Mutter mit Mann sozusagen« - einsame Abende verlebt und sich gesagt: Wenn ich nichts mache, werde ich noch verrückt. Sie wurde krank. Eine Schilddrüsenüberfunktion musste behandelt werden. »Ein Notsignal, das mein Mann und die Kinder verstanden.« Sie wollte eine Welt für sich und kaufte sich ein Laptop. »Trotz schlechten Gewissens, weil ich ihn für keine Arbeit brauche wie mein Mann und so ein Ding ja teuer ist.« Kurz darauf entstand die Homepage und die Revolution begann".
            
       Der Traum vom Hausfrauen-Gehalt liegt da natürlich nahe,
      denn schließlich gibt es ein Heer frustrierter Frauen, die sich ihre Karriere leichter vorgestellt haben oder deren Karriere gerade stockt. Katja KULLMANN hat diese Situation in "Generation Ally" skizziert:

            
       "Silke ist jetzt an einer Schwelle, an der es brenzlig wird: Sie ist bereits zwei Mal befördert worden: erst von der Junior Team Assistentin, und jetzt zur Senior Team Assistentin. Jetzt wird die Luft dünner, nix mehr up-up'n'away. Von nun an würde geboxt statt fraternisiert (...). Abends muss sie stundenlang in ihrem Teamleiterbüro sitzen und Kalkulationen und Erfolgsberichte und Leistungssurveys lesen, und sie muss darüber nachdenken, wie sie all die schlechten Nachrichten vor dem Senior-Senior-Teamleiter schönreden soll. Sie verdient jetzt 600 Euro mehr als vor ihrer letzten Beförderung, das ergibt nicht einmal 300 Euro zusätzlich im Monat. Dafür sitzt Silke täglich drei Stunden länger im Büro und trinkt regelmäßig gegen 15 Uhr ein Glas mit aufgelöstem Maaloxan-Pulver, weil ihre Magenschleimhäute nervös sind, stellvertretend für Silke, die sich das nicht nicht anmerken darf."
            
       Barbara BIERACH hat daraus gleich ein ganzes Buch gemacht und es "Das dämliche Geschlecht" (2002) genannt. Kinder werden darin für Karrierefrauen zum "Heldennotausgang".
            
       Die hohe Arbeitslosigkeit scheint den Rückzug der Frauen an den Herd zu begünstigen. Die Mehrzahl der Mütter möchte keinen dieser - von KULLMANN beschriebenen - stressigen Vollzeitarbeitsplätze, sondern einen Arbeitsplatz, der sich mit einem normalen Familienleben vereinbaren lässt:
            
       "Wir haben es uns angewöhnt, die bei uns extrem geringe Anzahl von Ganztagsplätzen in der Kinderbetreuung als familienfeindliches Wachstumshemmnis zu betrachten. Dabei steht hinter diesem Faktum nicht nur eine reaktionäre Zurück-an-den-Herd-Ideologie, sondern auch eine gesunde Abneigung gegen den Versuch, das Familienleben so zu verbiegen, dass es zu den Verwertungsinteressen der Arbeitgeber passt"
            
        schreibt GÜRTLER in "Vorbild Deutschland" zu diesem Thema. Inwieweit familienfreundliche Arbeitsplätze für Mütter jenseits des klassischen Vollzeiterwerbsarbeitsplatz geschaffen werden, ist deshalb eine wichtige Frage der Arbeitsmarktpolitik, denn offensichtlich ist die Nur-Hausfrauenrolle nicht einmal für konservative Revolutionärinnen attraktiv:
            
        "Im Herbst stand sie das erste Mal seit zwölf Jahren wieder vor der Kamera (...). »Ein herrliches Gefühl, eigenes Geld zu verdienen, wichtig zu sein, umsorgt zu werden.« Plötzlich interessieren sich die Medien wieder für sie, nicht mehr nur für die Tochter der Schell oder die Frau vom Kroetz."
 
   
  • KUMMER, Jochen (2003): Aus der WG an die Parteispitze.
    Die unkonventionelle Andrea Ypsilanti soll Hessens SPD nach dem Wahldesaster zu neuen Ufern führen,
    in: Welt am Sonntag v. 16.02.
    • Kommentar:
      KUMMER stellt die gegensätzlichen Lebensstile der Hessischen Kontrahenten Roland KOCH und Andrea YPSILANTI vor.
 
   
  • Die soziale Vererbung der Scheidung

    • MEIER-RUST, Kathrin (2003): Hausgemachtes Drama.
      Die Forschung zu den Folgen einer Scheidung zeigt: Den meisten Scheidungskindern geht es prima - wenn die Eltern ein Team bilden,
      in: Neue Zürcher Zeitung am Sonntag v. 16.02.
    • MEIER-RUST, Kathrin (2003): Glückliche Scheidungskinder.
      Kinderarzt Remo Largo belegt in einem neuen Buch, worauf es ankommt, damit Kinder eine Scheidung gut überstehen,
      in: Neue Zürcher Zeitung am Sonntag v. 16.02.
 
   
  • KOTHENSCHULTE, Daniel (2003): "Ich bin mit dem schlechtesten Geschmack der westlichen Zivilisation gesegnet".
    Hugh Grant über Lachprobleme, das Aroma von Europudding und andere Katastrophen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 15.02.
    • Inhalt:
      Hugh GRANT äußert sich diesmal u.a. zu Michel HOUELLEBECQ:
      "Glauben Sie, es ist gefährlich, mit zu vielen Frauen zu schlafen?
      Ich glaube, am Ende liegt die Erlösung schon in Heirat und Kindern. Ich lese gerade Michel Houellebecq,
      sein Buch Plattform. Bücher mit schmutzigen Stellen sind mir die liebsten. Die schätze ich sehr, aber der Rest ist so unglaublich deprimierend. Er sagt, dass uns die Verlockungen des Kapitalismus, von denen wir denken, sie seien ein Segen, sexuell und emotional vollkommen verdorben und verarscht haben. Jedenfalls habe ich ihn so verstanden. Ich sollte schnell die Rezensionen auf Amazon.com lesen und nachsehen, ob ich das Richtige denke."
 
   
  • HUJER, Marc (2003): Orale Therapie.
    George W. Bush verteufelt Kondome und fördert die Jungfräulichkeit - mit ulkigen Konsequenzen,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 15.02.
    • Kommentar:
      Während sich Beatrice SCHLAG in der Weltwoche vom 09.01.2002 mit der "Achse des Keuschen" beschäftigt hat, die die USA mit dem Iran und dem Irak bildete, berichtet HUJER direkt aus den USA über "technische Jungfräulichkeit" als Folge der Einführung von Abstinenzkursen.
 
   
  • GASCHKE, Susanne (2003): Im Konsumverzichtsrausch.
    Sparsame Menschen gelten als Konjunkturrisiko. Aber die Gesellschaft ist nicht nur Markt, der Bürger mehr als ein Kunde,
    in: Die ZEIT Nr.8 v. 13.02.
    • Kommentar:
      Susanne GASCHKE widmet sich - etwas verspätet - dem Geiz-ist-geil-Syndrom:

            
       "Jetzt ist (...) der interessante Zeitpunkt gekommen, an dem sich entscheidet, ob diese Gesellschaft den ökonomistischen Imperativ abschütteln und zur Abwechslung die Frage nach dem guten oder dem richtigen Leben stellen will."
            
       GASCHKE möchte die "falschen Bedürfnisse" der Generation Ally bzw. Golf Ad Akta legen, obwohl die Generation Berlin - wenn man Heinz BUDE beim Wort nimmt - gar keinen anderen Bedürfnissen folgt.
            
       Eine Hinwendung zu immateriellen Werten fordert Susanne GASCHKE und meint damit u.a. das Lesen von Büchern - (Bücher sind offenbar keine Konsumprodukte, wenn sie nicht gerade von ILLIES oder KULLMANN geschrieben werden, sondern z.B. von GASCHKE).
            
       Wenn in jedem Arbeiter-Haushalt (heißt heutzutage: working class) eine Parmesanmühle steht, dann ist gemäß GASCHKE die Welt in Ordnung. Die Generation Berlin möchte also die Ideale der Toskana-Fraktion wenigstens in Form von Lebensart bis in den Arbeiterhaushalt durchsetzen. Kulturelle statt politische Modernisierung, wie das Joachim RASCHKE vor kurzem genannt hat.   
 
   
  • SCHMID, Wilhelm (2003): Ungeliebte am Valentinstag.
    Philosophische Hilfestellungen,
    in: Die ZEIT Nr.8 v. 13.02.
    • Kommentar:
      "Das Ausbleiben der Liebe, so bedauernswert es ist, ist nicht metaphysisch schlimm".
            
       Wer solche Sätze liebt, der ist bei der Philosophischen Lebensberatung als Konkurrenz zu Psychologie oder Esoterik richtig. Ansonsten gibt es nichts Praktisches, sondern Abstraktes zum Philosophikum der Liebe.
            
       Die Quintessenz von Wilhelm SCHMID kann man in Ulrich BECKs "Das ganz normale Chaos der Liebe" auch als "Die irdische Religion der Liebe" in wortgewaltiger und -reicher Langfassung lesen.
            
       Auf das Hauptproblem der Ungeliebten antwortet SCHMID:
            
       "Der gute alte Seneca hält im neunten seiner Briefe an Lucilius über Ethik einen einfachen Rat dazu bereit: Si vis amari, ama – »wenn du geliebt werden willst, liebe!«"
            
       Das mag demjenigen, dessen Liebe nicht auf Gegenliebe stößt, kaum ein Trost sein, aber nicht selten verhilft das Nicht geliebt werden, wenigstens zu einem höheren Bildungsniveau oder im besten Falle zum Hipstertum.  
 
     
   
  • NOLTE, Paul (2003): Stürzt SPD-Chef Bismarck!
    Die Sozialdemokratie steckt in der Krise, weil ihr Gerechtigkeitsbegriff von vorgestern ist,
    in: Die ZEIT Nr.8 v. 13.02.
    • Kommentar:
      Es ist heute schick auf die Sozialsysteme zu schimpfen.

            
       Neoliberale aller Länder vereinigt euch, heißt heutzutage der beliebte Kampfruf des Klassenkampfs von Oben.
            
       Auch Paul NOLTE hat die Schnauze voll vom "Modell Deutschland". Da ist es unzeitgemäß, wenn ein Buch mit dem Titel "Vorbild Deutschland" erscheint und ganz frech behauptet, dass der Sozialstaat zu unseren Stärken gehört.
            
       Genau das behauptet der Ökonom Detlef GÜRTLER. Sein Vorbild ist jedoch nicht Frank BSIRSKE, sondern Ludwig ERHARDT.
            
       Man muss dem inhaltlich nicht unbedingt immer zustimmen, aber die Methode macht Sinn, denn sie macht den Kopf frei, um die produktiven Potenziale unseres Systems entdecken zu können und nicht immer gleich reflexhaft die richtigen Antworten parat zu haben.
 
   
  • DATH, Dietmar (2003): Wenn ich das Wort Pop höre, entsichere ich meinen Revolver.
    Wider die falschen Freunde: Auch Massengeschmack ist elitär,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.02.
    • Kommentar:
      Dietmar DATH, Jahrgang 1970, verteidigt den Popqualitätsjournalismus - u.a. also sich selbst - gegen
      Vertreter
            
       "eines journalistischen Populismus, der sich mit »Pop« verwechselt (...).
      Und so müssen wir das Elend weiter leiden: Vierzigjährige Laffen, die ihre Pubertät verpaßt und keine einzige Nacht ihres Lebens unter Bedingungen durchgemacht haben, die sie nicht kontrollieren konnten - das erst wäre »Pop« -, geben dem Publikum, »was es will« und was zu produzieren sie selbst nicht imstande sind, aber dafür gibt es dann ja dreißigjährige Gecken, deren Faxen suggerieren sollen, Popliteratur sei herzustellen, indem man gewöhnliche Nabelschauschreiberei mit öden Plattenanspielungen durchschießt, anstatt zu kapieren, daß Popliteratur, wenn überhaupt, nur entstehen kann, indem Literaten die Arbeitsbedingungen der Kulturindustrie teilen und das auch wissen, Leute wie Stephen King also, William Gibson oder die Macher von »Perry Rhodan«."

            
       Jetzt ist es also raus! Nicht "Raumschiff Enterprise", sondern "Perry Rhodan" ist die Referenzserie des FAZ-Feuilleton.
            
       Das ahnte man eigentlich schon länger, aber lesen konnte man es nicht. SCHIRRMACHER fühlt sich als Erbe des Universums Deutschland und wirft deshalb seinen Größenwahn lieber anderen vor.
            
       "Frick arbeitet heute als Journalist und Buchautor und er ist der Chef-Redakteur der Perry Rhodan-Heftromane. Er ist das beste Beispiel dafür, dass Punks in die Hochkultur eingezogen sind", konnte man im Dezember erstaunt im DeutschlandRadio hören.
            
       Ist nicht Dietmar DATH heute dort, wo Diedrich DIEDERICHSEN schon 1985 in "Sexbeat" war, als er schrieb:
            
       "Der intellektuelle Perry-Rhodan-Kritiker interpretiert, meist stark psychologisch gefärbt, die Inhalte dieser ungebrochen populären Primitiv-SciFi-Serie. Er vergißt, daß sich bei Perry Rhodan wie auch beim Marvel-Comic jedes Einzelexemplar in eine unendliche Reihe einordnet mit den ausgetüftelsten Querverbindungen, die für das Lesen viel wichtiger sind als die rechtsreaktionären Inhalte. Einmal mehr hatte Saussure recht: Die Bedeutung von Perry Rhodan und vieler anderer proletarischer Kulte erschließt sich nicht durch die Beziehung Perry Rhodans zur Wirklichkeit, sondern über das Verhältnis eines Perry-Rhodan-Heftes zu allen anderen Perry-Rhodan-Heften."
            
       Perry Rhodan ist jedoch keine proletarische Kultur, sondern typische Realschüler- bzw. Gymnasiasten(nerd)kultur (wobei es immer der kleinere Bruder ist, der die Hefte eigentlich liest; siehe Steffen KOPETZKY in der SZ vom 15.06.2001).
            
       Und es dürften etliche männliche Ungeliebte geben, die den "Einsamen der Zeit" (nicht Atlan, sondern Alaska Saedelaere) zu ihrer pubertären Identifikationsfigur erkoren haben.   
 
   
  • ROTH, Jürgen (2003): Heiliges Dahinbrüten.
    Heimat ist da, wo ein funktionierender Fernseher steht: über literarische Betrachtungsweisen der Provinz,
    in: Junge Welt v. 13.02.
    • Inhalt:
      Von ADORNOs Amorbach-Essay über Edgar REITZ' Heimatfilme, Martin HECHTs "Heimat", Kurt OESTERLEs "Fernsehgast" bis zu Kolja MENSINGs Buch "Wie komme ich hier raus?" reicht das skizzierte Spektrum des Lobs der Provinz.
 
   
  • Fernsehtipp:
    SWR-Fernsehen: Was war links?"

 
     
   
  • KAHL, Reinhard (2003): Der Buddha einer Generation.
    Teddy, der Inkommensurable (2): Der Studentenbewegung öffnete Theodor W. Adorno die Augen für die Nacktheit der Autoritäten. Aber auch die Vertreter des Antiautoritären standen ohne Kleider da,
    in: TAZ v. 11.02.
    • Kommentar:
      Teil 2 der TAZ-Serie über den Säulenheiligen der moralischen Individualisten.
      Während Stephan WACKWITZ ein pubertäres Initiationserlebnis mit der Lektüre von Theodor W. ADORNO verband, ist KAHL ins Schallarchiv gestiegen, um sich den Autismus des Meisters wieder in Erinnerung zu rufen.

            
       Die antiautoritäre Revolte beschreibt KAHL als eine der enttäuschten Gläubigen:
            
       "Ganz schnell konvertierten Theoretiker zu Büchervernichtern. Aus manchem Anarchisten wurde kurz entschlossen ein Maoist, buchstabengläubig, wie die Kirchen ihre Mitglieder lange nicht mehr gesehen hatten. Vielleicht wird man diese Generation einmal als die der Konvertiten beschreiben und Adorno als einen der letzten Priester.
      Trotz alledem: 1968 öffnete sich der Vorhang. Wir sahen, der Kaiser ist ohne Kleider. »Er ist nackt«, schrien wir, die rebellischen Kinder im Parkett. Für einen Moment lösten sich Masken. So manches Identitätsmäntelchen fiel. Das war die antiautoritäre Sternstunde unserer Generation. Diese Urszene der 68er machten viele von uns zu ihrem Lebenskapital. Zinsen werden immer noch ausgezahlt. Aber die Enthüllungsszene war auch erschreckend, fuhr uns offenbar tiefer in die Glieder, als wir zunächst glaubten. Wir realisierten, was die Canettis schon länger wussten: selber auch nackt zu sein. Viele von uns stürmten nun in den Fundus der Geschichte, liehen heroische Kostüme und furchteinflößende Bärte aus, klebten sich Marxbärte an, hängten sich Leninmäntel um und wagten sich ohne den Schutz eines Buchs nicht mehr ins Freie. Ohne Zitat - häufig von Adorno - wurden einige Jahre keine Sätze mehr gesprochen. Das alles aus Angst, ebenfalls nackt zu sein.
      Adorno war auch so ein nackter Kaiser, der 68 entblößt wurde, und er war zugleich ein Mentor, der uns die Augen für die Nacktheit öffnete. Und er war, drittens, einer, der schon wieder vorschnell Kleider anbot. Alles zusammen machte ihn zum Buddha einer Generation".
 
   
  • KÖHLER, Andrea (2003): Die Nomadin.
    New Yorker Physiognomien,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 11.02.
    • Inhalt:
      Andrea KÖHLER beschreibt nicht die neuen Nomaden, sondern die Letzten der europäischen Emigrantinnen:

            
       "Als sei all das nicht gewesen, was ihr Leben verheerte, haben sie sich hinübergerettet in eine Zeit jenseits der Chronologie und über das hinweg, was sie zum Weggehen zwang; als wären sie endlich erlöst, knüpfen sie dort wieder an, wo sie vielleicht einmal fröhlich waren: im Paris der wilden zwanziger Jahre, in den Café-Théâtres, Bars und Nightclubs, den Zirkeln der Bohème von Berlin".
 
   
  • MORTSIEFER, Henrik (2003): "Der Konsument ist ein Jäger".
    Holger Jung, Präsident des Gesamtverbands der Werbeagenturen, über die Konsumflaute, Geiz als Lockmittel und billige Marken,
    in: Tagesspiegel v. 11.02.
    • Inhalt:
      Holger Jung spricht über die Erfindung des "Geiz ist geil"-Slogans, der im Jahr 2002 das Neue-Mitte-Feuilleton erregte:

            
       "In guten Jahren kann es nicht teuer genug sein, in schlechten hält man sein Geld zusammen. Das ist ganz normal. Als die Deutschen sich im Boom vom Sparstrumpf zum Börsenzocker entwickeln wollten, hätten wir goldene Zahnstocher vermarkten können. »Mein Haus, mein Auto, mein Boot…« war damals unsere Kampagne für die Sparkassen, und ich musste mich in Talkshows dagegen wehren, dass wir damit dem oberflächlichen Konsumerismus Vorschub leisten. Heute passiert genau das Gegenteil. Die Deutschen, die Wert auf Planungssicherheit legen, sind verunsichert und vorsichtig mit ihren Konsumgewohnheiten geworden".
 
       
   

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Zu den News vom 01. - 10. Februar 2003

 
       
   
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